Segeln

Wieder: Anker hoch – Ziel ist irgendein Ort auf dem nächsten Finger der Peleponnes, ca. 35 sm. Keine große Strecke. Doch wie so oft haben wir die Rechnung ohne den Wind gemacht, der direkt von vorn kommt und uns zum Kreuzen zwingt. Wir segeln eine Mondlandschaft entlang, Steilküste, kaum Häuser. Es dauert…Immerhin ist die See so ruhig, das ich endlich mal zum Lesen komme: Ioanna Karystiani: „Die Augen des Meeres“. Ein wunderbarer Roman um einen alten Kapitän, der nicht abmustern und von Bord gehen will. Sehr zu empfehlen!

Dann ist die See ganz ruhig, wir müssen motoren, gegen die Wellen. Drei Stunden lang – es ist ein bisschen ätzend. Es wird dunkel, und ich koche während des Segelns rsp. Motorens Spaghetti mit Thunfischsoße. Da die Wellen nur von vorn kommen und berechenbar sind, geht das unfallfrei ab. Wir essen auf Deck, schaukelnd, im Sonnenuntergang. So schön!

Um 23 Uhr endlich! im Dunkeln erreichen wir unseren Zielhafen, einen kleinen Ort, tasten uns nach Beschreibung im Törnführer und unserem Plotter voran, ankern, wissen nicht, wo wir gelandet sind. Der Morgen wird spannend!

Die Peleponnes

1.8. 2016 / Wir verschlafen. Um 9 erst wachen wir auf, kein Wunder nach dem Tag gestern, außerdem war die Nacht nicht so richtig ruhig, da die Bucht zum Meer hin sehr offen ist, steht Schwell, also Wellen, hinein, und bringt das Boot zum Schaukeln. Die ganze Nacht…

Dafür ist das Schnorcheln schön, und wie immer entschädigt uns das Schwimmen im Meer vor dem Frühstück für alle Segelunannehmlichkeiten. Dann aber los – die Wege in der Peleponnes sind weit!

Der Tag zeigt, wie schön ein Segeltag sein kann. Der Wind ist nicht zu stark, reicht aber zum Segeln, und vor allem bläst er gleichmäßig, ohne die ruppigen Böen in der Ägäis.

Um 16 Uhr schon erreichen wir Limin Kagio. In dieser kargen Gegend, schreibt der Törnführer, waren die Menschen früher so arm, dass sie im Sommer das Meersalz von den Felsen kratzten und es verkauften. Fehden zwischen den Nachbardörfern gab es, Blutrache war an der Tagesordnung. Nur gegen äußere Feinde schlossen sich alle wieder zusammen.

Die Häuser dieser Familien stehen zum Teil noch heute, wir sehen sie von der Bucht aus – Türme, teils verfallen, teils wieder aufgebaut und bewohnt. Gern würden wir dorthin wandern, aber es ist zu weit. Die Architektur – ganz anders als auf den Kykladen, es sieht eher schon italienisch aus. Die Häuser aus Stein, nicht verputzt, mit roten Giebeldächern, die Wohntürme, zwei, drei Stockwerke hoch, schmal, mit Flachdach.

Beim Wandern in den winzigen Ort stellen wir fest, dass diese Türme entweder nachgebaut oder restauriert als Feriendomizile dienen, und zwar als sehr attraktive. Etwas Tourismus gibt es hier, Italiener zumeist, und die drei kleinen Tavernen bemühen sich nach Kräften und mit aller Freundlichkeit. Eigentlich wollten wir selber kochen, doch dann beschließen wir, die örtliche Gastronomie zu unterstützen und essen zu gehen. Und bereuen es nicht. Die Speisekarte ist griechisch, übersetzt in phantasievolles englisch, wir bestellen „garlicmix“, d.h. Tsatsiki, Pommes und suchen uns einen Fisch aus, den der Wirt uns in seinem großen Eisschrank präsentiert. Etwas anderes gibt es hier auch nicht – Kalamaris und Fisch, Fisch und Kalamaris. Das macht gar nichts. Der Fisch, gegrillt, ist der beste, den wir seit langen Zeiten gegessen haben. Dass die Pommes nicht dazu, sondern davor serviert werden – egal.

Wie gern würden wir, wie so oft, noch bleiben, das Gelände erkunden, die Gegend und die Menschen kennenlernen. Aber wir müssen weiter, die Peleponnes sind groß, wir haben noch Italien, Frankreich und Spanien vor uns, und Mitte Oktober …Gibraltar.

 

 

 

Käpt’n, mein Käpt’n!

Um 5 Uhr läutet der Wecker. Wir wollen früh raus, denn wir haben einen langen Weg vor uns – 70 sm, auf die Peleponnes. Wir kommen auch pünktlich aus den Federn, oh Wunder, machen uns Thermoskannen mit Kaffee und Tee. Und holen den Anker hoch. Der streikt. Es orgelt und orgelt, der Anker bewegt sich keinen Zentimeter mehr. Oh nein! Wir haben irgendetwas gefangen. Peter, nie um eine Lösung verlegen, holt Tau und Bootshaken, schafft es irgendwie, aus dem Tau eine Schlaufe zu machen und die anzuheben, damit wir den Anker frei kriegen. Eine riesig dicke Kette, die die Betonstege von Adamas festhält, war es! Das muss man erstmal hinkriegen!

Etwas später also als geplant, aber immerhin überhaupt (wir hätten sonst einen Taucher organisieren müssen), stechen wir wieder in See. Die zeigt uns nochmal, was sie kann – Windstärke 8. Peter schickt mich schlafen, ich kann ihm sowieso nicht helfen. Von der Koje aus sehe ich, wie er die Segel trimmt, ihnen also optimale Stellung gibt, refft, ausrefft – mit schlafwandlerischer Sicherheit. Als hätte er Saugnäpfe unter den Füssen, bewegt er sich auf Deck, lacht über die hohen Wellen, verliert nie seine gute Laune und seinen Optimismus.   Einer seiner Vorfahren muss ein großer Seefahrer gewesen sein – Käpt’n, mein Käpt’n!!

Mein Käp’t holt mich ein paar Stunden später aufs Deck – Delphine! Bevor ich mich berappelt habe, sind die leider schon wieder verschwunden, aber ich bleibe oben, staunend, wie schön es ist. Kein Land mehr in Sicht, weit und breit keine Boote – uns gehört die See! Da beginne ich, zu erstehen, was die Freiheit auf See bedeuten kann…

Das Meer hat sich beruhigt, wir verlassen deutlich die Ägäis und damit die Starkwindregion – endlich! Peter geht schlafen und ich freue mich, dass ich ihm auch endlich mal Ruhe gönnen kann. Und fühle mich allein an Deck wie die Herrscherin der sieben Meere. Was ein Leichtes ist, steuert doch unsere Windsteueranlage, und ich brauche nichts weiter zu tun, als den Kurs über ein gelegentliches Ziehen am Schnürchen rechts oder links zu korrigieren. Und nach anderen Schiffen auf dem Plotter zu schauen, unserem Bildschirm unter Deck, der die Seekarte und unseren Kurs abbildet – und eben Schiffe, sofern sie wie wir AIS haben. Das Segeln wird schön.

Aber es zieht sich. Ein Vorgeschmack auf die Atlantiküberfahrt.

Um 14 Uhr endlich – Land in Sicht! Im Dunst: Die Peleponnes.

Es dauert noch lange, bis wir die Berge um uns herum richtig ausmachen können. Hoch sind sie, karg, kaum bewohnt hier, ein paar kleine grüne Flecken immerhin. Aber noch keine Ankermöglichkeit weit und breit..

Bei Sonnenuntergang , nach 14 Stunden, erreichen wir endlich müde und etwas erschöpft eine kleine, zum Ankern geeignete Bucht im Südzipfel der Peleponnes. Traumhaft schön, glasklares Wasser, ein kleiner Sandstrand vor uns, neben uns Felsen, die erlebnisreiches Schnorcheln verheißen. Hier bleiben wir!

 

Milos am Abend

Es ist heiß auf Milos. So warten wir bis zum Abend, bis wir größere Aktivitäten starten – einkaufen, Wäsche aus der Wäscherei abholen. Fast alle Orte, die Schiffe beherbergen, haben auch eine Wäscherei, bei der man seine dreckigen Klamotten abgeben und sie nach ein paar Stunden wieder gewaschen, getrocknet, möglichst auch gebügelt, wieder abholen kann.

Dann nehmen wir den Bus nach Plaka, in die Hauptstadt, die auf dem Berg über dem Hafenstädtchen thront. Wir reihen uns in ein eine Kette von vielen jungen Menschen, die auf die mittelalterliche Burg aufsteigen. Selten haben wir so viele schöne junge Frauen auf einmal gesehen. (Jungs, verlasst eure Nester!) Wir setzen uns wie sie auf die alte Burgmauer und beobachten ehrfürchtig den Sonnenuntergang. Keiner bleibt von dem Anblick unberührt. Es ist so schön, wie die Sonne über einem kleinen Inselchen im Meer versinkt!

Wir essen sehr gut in einer kleinen Taverne und bummeln zurück, um den letzten Bus nicht zu verpassen, kommen an einer Taverne vor dem Rathaus vorbei, in der es live-Musik gibt, innbrünstig vorgetragen – nicht für Touristen, hier sitzen nur Griechen.

Davor tollen Katzen. Mitten darin ein Bündel Hund. Ich bin entzückt und bekomme das kleine, vielleicht zwei Wochen alte Hündchen in den Arm gedrückt von einer freundlichen anscheinend steinalten Griechin, viele Runzeln im Gesicht, wenig Zähne im Mund. Bevor ich den kleinen Kerl nicht mehr loslassen und mit aufs Boot nehmen will, gebe ich ihn ihr zurück. Kali nichta, winkt sie mit der Hundepfote. Kali nichta- gute Nacht – grüßen wir zurück und sie und ihr Mann, der womöglich noch weniger Zähne hat, freuen sich, ass wir etwas griechisch sprechen, und lächeln uns zahnlos hinterher. Sie kommen auch in unser Album! Mit Hund!!

 

 

Milos

30.7.2016 Wir verabschieden uns von Pholegandros und steuern Milos an. Ach, wie gern würden wir überall noch länger bleiben, aber bis spätestens Mitte Oktober müssen wir das Mittelmeer verlassen haben, weil dann die echten Stürme kommen. Und der Weg bis Gibraltar ist noch weit…

Auch Milos ist eine echte Entdeckung. Gesteinsschichten türmen sich übereinander, wie fahren durch einen Skulpturenwald aus Steinen. Bären, Hühner , Haifischzähne….

Dann eine kleine Häusersiedlung, bunt gestrichen, nicht in den typisch griechischen Farben, sondern rot, orange, bunt, aber sehr geschmackvoll und gemütlich. Ehemalige Fischerhäuser, lernen wir später, in denen die Fischer ihre Boote parkten. Heute sind es Sommerhäuschen für Athener.

Wir ankern vor Adamas, einer kleinen Hafenstadt. Anlegeplatz für Fähren, Kreuzfahrtschiffe. Immerhin wurde hier die Venus von Milo gefunden! Und überhaupt ist der Ort nett. Nicht so trubelig wie Ios, wirbt eine junge Reiseführerein. Das finden wir nun nicht, Adamas ist quirlig, jung, auch in den Kneipen arbeiten fast nur junge Leute, nicht unbedingt professionell, aber sehr bemüht, aufmerksam und freundlich. Wir sind ganz angetan und bleiben einen Tag länger, auch, um mal auszuspannen – danach wollen wir aufs die Peleponnes, das ist weit.

Zuerst also ein Tag segelfrei. Wir gehen nicht an den Steg, sondern bleiben in der Bucht. Das ist uns meistens lieber, weil es ruhiger ist und wir vom Boot aus schwimmen können. Ein Luxus!

Wir bauen einen neuen Duschschlauch ein, Peter, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich assistiere quasi als OP-Schwester: Zange, Küchenkrepp, Teflonband…

Jetzt können wir auf der Badeplattform duschen! Bislang hat das Baden im Meer die Dusche ersetzt. Das geht ganz gut, wir haben ein Meerwassershampoo, mit dem man sich einseift und im Salzwasser waschen kann. Uns hat das gereicht, und es hat sich auch noch niemand beschwert…Aber ab und zu eine Süßwasserdusche ist nicht zu verachten. Um meine Haare würde mich so langsam jeder Rastafari beneiden…

So, jetzt schauen wir gleich nach dem Segelwetter. Mal sehen, wie die Winde morgen stehen…

Ihr Lieben daheim, wir vermissen euch! Und haben manchmal schon ein wenig Heimweh. Nach Euch, Häuschen, Garten und Kater…

Bis bald!

 

 

 

Together through life

Die Nacht ist kurz. Um 5 Uhr morgens werden wir vom Wind geweckt, der am Boot reißt. Wir schauen, ob der Anker hält, schalten den Ankeralarm ein, aber mit dem Schlafen ist es vorbei. Bis zu 40 Knoten bringen die Böen, die über die Berge fegen. Wir halten aus, neben ein paar anderen Seglern, zum Glück hält unser super-Anker. Und der der anderen auch.

Der Wind legt sich nicht, und dann wird es uns doch zu unsicher. Wir holen den Anker hoch. Der Wind ist erstaunlich moderat. Wir segeln gut, fast könnte sich ein Campari-feeling einstellen, wären da nicht die hohen Wellen. Außerdem haben wir sowieso keinen Campari an Bord.

Wir frohlocken schon, wie schön Segeln sein kann, da kommt es wieder heftig. Wir haben den Wind von vorn, die Wellen spritzen uns nur so um die Ohren. Das Programm wie immer: reffen, ausreffen…ich will niemanden langweilen.

Bei mir aber ist es auf einmal, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ich reffe mit Peter zusammen, wir sind eingespielt, ich übernehme das Steuer – und es macht richtig Spaß!

Und – ich habe ehrlich gesagt den ein oder anderen Zweifel gehegt – nun glaube ich doch fest, dass wir es zusammen schaffen in die Karibik – und auch genießen können!

Hugin läuft perfekt im Ruder, und so rauschen wir – naja, mit 6,5, Knoten, das sind ca 11Kilometer in der Stunde…durch die Ägäis.

Und kommen in Vathi auf Pholegandros an, einem kleinen Inselchen, das wir noch nie besucht haben. Eine Entdeckung. Der Törnführer schreibt etwas lustlos von zwei Tavernen und „nicht viel los“, aber er ist ja auch schon älter. Mittlerweile gibt es ein paar hübsche Häuschen um die Tavernen und vor allem junge Leute bevölkern Strand und die einzige Strasse, die durch den Ort führt. Es hat etwas von der Atmosphäre von Surfspots locker, entspannt.

Um 7 Uhr sind wie von Geisterhand alle verschwunden. Wahrscheinlich ist der Bus gekommen. Der Strand ist leer. Nur aus den Tavernen kommt noch vereinzelt Gelächter. Ein Ort, um ganz sicher wieder zu kommen.

Wir essen kochen selbst, oh Wunder: Spaghetti!, und haben es schön!

Riders on the storm…

Amorgos belohnt uns für unseren Ritt mit einem großen Ereignis: lokale Bands und Tanzgruppen geben sich ein Stelldichein. Es muss etwas Größeres sein, ein Boot mit Popen legt an, das Städtchen ist voll. Wir ergattern einen Platz in einer Kneipe, mögen die Bedienung aber gar nicht nach dem Grund der Festivität fragen, sie ist total im Stress. Also genießen wir, bummeln, sogar die Süddeutsche und den SPIEGEL gibt es hier.

Am nächsten Morgen legen wir ab, relativ entspannt. Gestern haben wir das Wetter studiert, 5 Beaufort Nord, das ist nichts Schlimmes. Das Fähnchen ist rot, warnt mein inneres Stimmchen. Peter fragt mich erschüttert, ob ich jetzt nur noch bei 2 Beaufort auslaufen will? Darauf sage ich lieber nichts…

Wir segeln um die Ecke der Bucht –und schon haben uns die Wellen vom Vortag erreicht. Die haben sich gehalten und schmeißen uns wie immer von einer Seite auf die andere. Merke: Der Wind allein hat noch gar nichts zu sagen…die Wellen sind’s…!!!

Wobei der Wind nun auch nicht mehr an sich halten mag und zulegt – Windstärke 7 ist schon ein Wort. Die Wellen werden höher und höher,, der Wind pfeift und zerrt an den Wanten. ich schließe meine Augen und hoffe nur noch, dass es irgendwann vorbei ist.

Nun mag man mit Fug und Recht fragen, warum eine Segelmemme wie ich sich auf den Atlantik traut? Weil sie Wellen da, versichert mir mein Mann, viel länger sind. Nicht so kabbelig und kurz, Und außerdem von hinten kommen, Das ist viel angenehmer. Zumindest auf der Hinreise..

Außerdem – es geht auch anders. Ich habe das Segeln kennen und lieben gelernt in ruhigen Gewässern, Elba, Mallorca, auch Norwegen. Da wurde gegen 16 Uhr Campari-Orange gereicht, wie ließen die Beine über die Reling baumeln, hatten es nett, und Kochen unter Deck war auch kein Problem. Einmal habe ich Starkwindsegeln probiert und danach beschlossen, ich bin eine Schönwetterseglerin! Jetzt bin ich in der Ägäis, dem Starkwindgebiet überhaupt. Das habe ich nun davon…

Nach einer Stunde Wellenkampf suchen wir Zuflucht. Die kleine Insel voraus bietet leider keine Bucht, die Schutz verspricht, aber wenigstens beruhigen sich die Wellen und der Wind. Wir haben Abdeckung von vorgelagerten Inseln. Und atmen erst mal tief durch.

Der Wind tut das auch und bläst gar nicht mehr. Wir eiern und probieren mit verschiedenen Segelstellungen – nichts zu machen. Wir motoren. Auch nicht schlecht, aber nicht Sinn der Sache.

Das findet der Wind auch, sobald wir aus der Abdeckung sind, und zeigt uns, was eine Harke ist. Jetzt haben wir Sturm. Keine Böen – Sturm, der Windzeiger tanzt bis 35 Knoten. Und da werde ich sauer auf den blöden Wind,. Dem werde ich es zeigen!!! Das ist dem Wind zwar herzlich egal, aber ich verliere meine Angst.

Wir erreichen Ios. Eigentlich war Milos mal das Ziel, eigentlich wollten wir längst in den Pelepones sein, eigentlich…Segeln lehrt uns den Buddhismus. Nicht wollen, wollen, wollen – das annehmen, was ist.! Wir steuern die erste im Törnführer empfohlene Bucht an, da kachelt es von allen Seiten.. Das kann ja heiter werden. Wir versuchen die nächste Bucht, wenige Meilen weiter südlich. Und da – ist Stille. Kleine Wellen plätschern, der Wind weht sanft…wir können es kaum glauben. Wenige Minuten nur weiter nördlich tobt der Sturm – und hier? Kristallklares Wasser, beim Schnorcheln ein paar Fische sogar –Frieden.

Später sitzen wir auf der Badeplattform, trinken Whiskey, gucken in die Sterne und lassen die Beine ins Wasser baumeln…

 

 

Geschafft!

Am 26. starten wir nun aber wirklich Richtung Amargos. Irgendwann müssen wir nunmal durch die Ägäis, und so ganz schlecht sieht die Wetterkarte nicht aus – der gelbe Kern, der Starkwind anzeigt, ist relativ klein.

Um halb 8 fahren wir. Mir ist schon bei der Aussicht auf den langen Tag relativ flau, Peter schickt mich unter Deck, schlafen.

Irgendwann holt er mich wieder hoch. Er muss das Großsegel bergen. Und legt dafür die Sicherheitsleine an, mit der er sich auf Deck einpickt, um nicht über Bord zu gehen. Wenn Peter dieses Geschirr trägt, bedeutet es das Gleiche wie Stewardessen auf einem Flug, die sich außerplanmäßig setzen und anschnallen: Nichts Gutes. Es wird ungemütlich.

Die Wetterkarte hat zwar im großen und ganzen ihr Wort gehalten, nicht aber bei der Windrichtung. Die bläst aus Südwest statt Nordwest und das heißt – gegenanzusegeln. Der ungemütlichste Kurs. Starke Seitenlage. Noch dazu kommen Wellen der vergangenen Starkwindtage – die sind hoch, unser Wind teilweise schwach – es ist ein einziger Kampf, den Peter kämpft. Ich traue mich unter den Bedingungen nicht ans Steuer. Dann kommt der Starkwind selbst. Vier Meter hohe Wellen, lange Schaumkämme, brechen sich unter dem Boot. Wer da zu viel Phantasie hat…also die Phantasie im Zaum halten und den Tiger reiten!!!

56 sm und zehn Stunden später ankern wir salzverkrustet in Amargos. Wir haben es geschafft!!! Und kurz darauf allen Ungemach schon wieder vergessen.

Lipsi

Um 6 klingelt der Wecker, wir wollen früh raus, um dem stärksten Wind, der sich erst nachmittags entwickelt, zuvor zu kommen. Die ganze Nacht hat es „gekachelt“, Böen bis 35 Knoten sind über uns hinweggefegt. Peter dreht sich um und meint: Wir fahren erst morgen, ja?Jaaa!!!!

Wir bleiben also noch in Lipsi-Bucht und nutzen die Zeit, kleinere Reparaturen vorzunehmen. Gläser z.B. in die Luken (d.h. Fenster) einzukleben. Die meisten Luken sind undicht, wie wir schmerzhaft erfahren haben.

Nachdem wir alle Gläser entfernt, gesäubert und zum Wiedereinkleben vorbereitet haben, stellt Peter fest, dass unser Silikon nicht mehr zu gebrauchen ist. Zu alt, zu hart. Wir müssen unser Boot nach Lipsi  Stadt umlegen.

Lipsi! Unsere griechische Lieblingsinsel!  Nicht nur wegen der bereits erwähnten Kneipe.

Jede Insel hat, finde ich, wie Menschen, einen Charakter. Lipsi ist freundlich. Ein paar Häuser um die Kirche gebaut, ein kleiner Hafen. Viel mehr gibt es nicht. Und ein paar Restaurants. Für die Touristen.

Wir schlendern durch den Ort, die Kirche entlang durch die Gassen. Und sind verwundert. Wo sind die Kneipen? Das Restaurant von Manoli, dem sympathischen großmäuligen Wirt, der jeden Touristen in seine Lokalität lotste, dafür aber auch in der Mittagspause immer neue Rezepte studierte, um seine Kundschaft nicht mit Gerichten zu langweilen, Manolis Restaurant ist verwaist. Ben, bei dem wir oft und gern gegessen haben, hat schon vor ein paar Jahren aufgegeben, weil er noch nicht mal mehr den Strom für seinen Gefrierschrank zahlen konnte. Eine Kanadierin erzählt uns, die Menschen in Lipsi hätten aufgegeben. Erst die Auflagen der Regierung, dann die Flüchtlinge, die Touristen bleiben weg. Wir sind erschüttert. Lipsi – stirbt???

Abends kommen wir zurück vom Boot in den Ort. Und entdecken neue Kneipen, auch Tavernen, die wir kannten und die sich vergrößert haben, alles aber immer noch klein und überschaubar. Wir nehmen unseren Ouzo bei Stavros am kleinen Fischerhafen, der Kalamaris auf den Grill wirft. Nebenbei scherzt er mit seiner kleinen Tochter, herzt seine Frau, palavert mit den Einheimischen, die bei ihm sitzen. Ich frage Stavros nach Manoli. Der, lacht er, ist umgezogen. Aber warum fragst du nach Manoli? Dies hier ist Lipsi! Und er zeigt auf die kleinen Tavernen, die Menschen, die zusammensitzen, den Kindern zuschauen, die Fischer. Ja, das ist Lipsi. Und alle Lispianer bekommen einen großen Platz in unserem Album für die, denen wir alles Gute wünschen.

 

 

 

 

 

 

 

Meuterei auf der Hugin

Es ist Sontag, der 24. Und es wird nicht unser bester Tag…

Dabei beginnt alles so gut. Wir legen ab Richtung Lipsie, 25 sm, ca. 50 Kilometer also, wir haben den Wind von hinten und gleiten über das Meer. Ach, ist Segeln schön!

Die Freude währt eine Stunde. Dann schläft der Wind ein und die Wellen übernehmen das Kommando. Und schaukeln, nein werfen uns von einem Bug auf den anderen. Es ist nicht eben magenfreundlich…

Die Fock schlägt bedrohlich um sich, weil sie keinen Wind mehr hat, wir baumen aus (d.h., man setzt ein Aluminiumrohr an den Mast und befestigt das Vorsegel daran, um ihm Stabilität zu geben und die Möglichkeit, den Wind zu fangen. Das Vorsegel hat normalerweis keinen Baum, sondern bewegt sich frei). Peter, um genau zu sein, baumt aus. Peter bewegt sich wie eine Bergziege bei dem Wellengang. Ich krieche auf allen Vieren oder rutsche auf dem Hosenboden. Ich bin ihm nicht wirklich eine Hilfe. Peter wird etwas ungnädig. Ich kann es ihm nicht verdenken…

Eine halbe Stunde später gauchen (so nennt man das Schaukeln) wir immer noch und kommen nicht voran.

Aber wir haben ja für solche Fälle einen Parasailor! Ein super Segel für Schwachwind, vom Papst der Langfahrtsegler Bobby Schenk höchstpersönlich empfohlen: einmal gesetzt, nie wieder runtergeholt.

Die Rettung. Und ganz schnell mal eben angeschlagen, easy zu bedienen. Ich bin nicht so sicher, „mal eben“ geht in der Regel auf dem Boot gar nicht. Peter schimpft mich eine Pessimistin.

Eine Stunde später sitzen wir entnervt vor dem noch immer nicht entfalteten Parasailor. Das gute Stück war in der Segelmacherei zum Checken und saubermachen, und die haben es dermaßen dilettantisch zusammengelegt, dass nichts mehr zusammenpasst. Wir drehen, entwursten, entfalten, bis es denn klappen könnte…mittlerweile ist der Wind so stark, dass der Parasailor überfordert ist.

Wir setzen die Fock und reffen sofort. Starkwind, Böen bis zu 35Knoten. Das ist auf dem Kurs nicht schlimm, zu segeln, aber alles andere als easy sailing. Wer die Baccardi-Werbung erfunden hat, lügt!

Geschafft! Wir werfen den Anker in Lipsi-Bucht und gehen erstmal baden.

Dann überlegen wir den nächsten Tag. Wir wollen endlich nach Westen stechen und das bekannte Segelrevier verlassen. Paros, bestimmt Peter. Ca. 50 sm.

Ich messe nach. Es snd 70 sm, etwa 14 Segelstunden. Und ich weigere mich!

Peter argumentiert, es sei Halbwindkurs, der angenehmste also. Außerdem müssen wir endlich voran kommen! Ich kenne den Halbwindkurs im Starkwindrevier und sage erst recht nein. Klar, wir müssen ein Starkwindrevier kreuzen, aber 14 Stunden sind mir zu viel Plackerei. Unsere große Reise steht unter dem Versprechen, „Segeln und genießen“ und nicht „Segeln und leiden“! Peter überlegt, mich in den nächsten Flieger nach Athen zu setzen.

Wir gehen erstmal essen.

Der Grund, in Lipsi zu ankern, ist nicht unbedingt die Bucht selbst. Die ist klein, wildromantisch, leider total fischarm. Der Grund ist „Das Paradies“. So hat ein Segler mal die bis dato namenlose Kneipe am Strand getauft, bevor Tripadvisor auf sie aufmerksam wurde und sie sich seitdem „Dilaila“ nennt. Das hat der Küche zum Glück keinen Abbruch getan. Sie ist einzigartig in der Ägäis.

Zehn Jungs werkeln konzentriert-entspannt an den Herden, an der Wand prangt eine riesige Flagge mit dem Konterfei Bob Marleys und dessen Schrei nach „Freedom“.

Freiheit nehmen sich auch die Jungs der Dilaila in der Komposition ihrer Zutaten. Alles kommt aus Lipsi und wird höchst kreativ und köstlichst gemixt. Kichererbsen mit Feigen, Rosinen und Zitronendressing, Orangen mit Feta , Gurke und Minze, und über allem: der crazy feta. Ein scharfer, überbackener, cremiger Schafskäse, Unvergleichlich.

Bob Marley im Sinn und das wunderbare Essen im Magen gehen wir nochmal an unsere Törnplanung. Ich schlage Peter Amorgos vor. 50 sm, Und wir verlieren einen Tag.. Einen Tag von 14 Monaten! Peter seufzt. Und willigt ein. Ich könnte ihn küssen! Und das tue ich dann auch…