Land in Sicht!

Am 30.10.2016, 18:12 Uhr erhebt sich nach 583 Seemeilen in fünf Tagen und vier Nächten vor uns La Graciosa, eine kleine Insel bei Lanzarote. Und ich heule.

Das Ende unserer ersten Atlantikpassage. Unwiderbringlich, das erste Mal kann man nicht wiederholen. Und es war so schön!

Was haben wir alles das erste Mal gemeistert: Nachtwachen alleine begangen, in tiefster Dunkelheit durch schweren Schiffsverkehr navigiert, mit großen Frachtern und Segelfreunden gefunkt. Das erste Mal ist nun vorbei.

Dabei war der letzte, heutige Tag, nochmal ein besonderes Highlight. Delphine haben wir gesehen, nicht ein Paar, keine Familie, nein, eine Herde, die sich über mindestens einen Quadratkilometer getummelt hat. Brautschau vielleicht, wie auf einer Kirmes. Luftsprünge, wieder und wieder, hoch! Ein unglaubliches Schauspiel.

Die Sonne traut sich wieder hervor, es ist richtig warm.

Wir vermissen in keinster Weise Boden unter den Füssen.

Na gut, wir hatten auch Glück mit dem Wetter. Finde ich, Peter ist da andrer Meinung. Aber als Einstieg in das Abenteuer Atlantik: perfekt.

 

 

 

 

 

 

 

 

29.19. Der dritte Tag…

…vergeht wie im Fluge. Nachschlafen, vorschlafen, putzen, polieren, reparieren – ohne Schräglage – weil unter Motor – , geht das alles.

Vögel kommen immer wieder und ruhen sich aus, Delphine begleiten uns.

Das Wasser – der gefürchtete Atlantik! -, sieht aus, als würde jemand immer wieder ein graublaues Samtband mit lockerer Hand auswerfen, auf dem wir dahingleiten. Die Sonne lässt sich sogar manchmal blicken. Von mir aus könnte es so bleiben. Peter schimpft mich eine Motorbootfahrerin.

Ein Highlight ist ein Ship-to-Ship-call von Sergio und Gemma, die mit ihrer „Zoe“ 13 Meilen hinter uns fahren. Sie rufen unsere MMSI (jaja, das haben wir alle mal bei der Prüfung gelernt, nun kommt es zum Einsatz!) an – und dann können wir auf „unserem“ Kanal 72 sprechen, als hätten wir Telefon! Sie überlegen angesichts der Wetterlage, in Marokko Halt zu machen und Diesel zu tanken. Keine schlechte Idee, und Marokko hatte uns ja sowieso gereizt – da die Flaute abwettern? Wir rechnen die Meilen zusammen – 32 sind wir von der Küste entfernt. Das kostet uns 6 Stunden hin und wieder zurück – viel Zeit. Das Wetter ändert sich auch erst in vier Tagen, und dann kippt es in die entgegengesetzte Richtung (wirklich 8 Windstärken), also dümpeln wir lieber jetzt. Aber dass wir über so viele Meilen sprechen können, ohne uns zu sehen! Sensationell. Sie kommen als erste in unser Funk-Telefonbuch.

Und schon ist der dritte Tag rum – und die Wachen beginnen…

 

 

 

 

27.10. Zweiter Tag auf dem Atlantik

Wie immer checken wir nach dem Frühstück als erstes das Wetter. Da wir ja hier kein Telefonnetz, geschweige denn Internethaben, per Navtex, das immer an Bord läuft, und auf dem Küstenfunkstellen Wettervorhersagen durchgeben.

Was wir lesen, erfreut uns nicht. „Galewarning“ , Sturmwarnung also, für Madeira, Casablanca, Agadir. Och nein. Und dann noch von vorn – das wird richtig ungemütlich! Wir sind 45 Meilen vom nächsten möglichen Hafen, Hammadia, entfernt, eine Tagesreise. Das nützt nichts mehr. Also Augen auf und durch…

Aber beim Wettercheck in Gibraltar war davon nichts zu sehen. Hat sich die Situation so schnell geändert?

Da fällt uns die „Wetterwelt“ ein, die Wetterdaten als GRIB-files aufs Iridium verschickt. Und da unseres ja nun – Armin sei Dank -, funktioniert, senden wir eine Anfrage.

Stundenlang kommt nichts, nachdem die nächste Wetterstation auf NAVTEX die gleiche Warnung ausspricht, bereiten wir uns innerlich auf eine wenig schöne Nacht vor.

Kaum zu glauben, dass es so kacheln soll. Die See ist spiegelglatt. Unwirklich. Diesig das Wetter, Saharastaub am Horizont. Wieder könnte man meinen, wir seien allein auf der Welt – um uns herum – nichts. Das AIS lehrt uns anderes, da sind wenig weiter draußen Frachter, Kreuzfahrtschiffe, Segler unterwegs – davon spüren wir nichts.

Stattdessen werden wir zur Vogelrettungsstation. Immer mehr kleine gefiederte Freunde ruhen sich bei uns aus, im Wasser sehen wir Schildkröten – es ist paradiesisch.

Wenn nur der drohende Sturm nicht wäre…

Um halb fünf endlich – die Wetterwelt – Email. Von Sturm – keine Spur auf unserer Route. Weit draußen und über Land ja, bei uns ist Flaute angesagt. Mir fällt ein Felsbrocken vom Herzen. Peter ist sich allerdings nicht so sicher, ob er nicht Windstärke 8 dem „schon wieder motoren“ vorziehen würde…

 

 

 

 

Der Atlantik

Wir schaffen es ausnahmsweise mal ziemlich pünktlich, abzulegen. Zeit ist heute Sicherheit… Das Wetter ist nicht schön. Grau, diesig. Wir verlassen das Becken von Gibraltar und spüren den Strom. Wir setzen Segel. Bleiben aber ziemlich küstennah, damit die Strömung mit uns ist. Auch wenn das Wetter nicht glänzt – die Küste ist beeindruckend. Irgendwann packt uns der Strom, so wie er soll. Er kommt von hinten. Wir machen nicht gerade eine Rauschefahrt, ab doch immerhin um die 6 Knoten. Die Wellen schieben uns regelrecht vorwärts. Wo beginnt er denn nun, der Atlantik? Schwer zu sagen. Schneller als erwartet passieren wir Tarifa. Und das ist nun eindeutig schon Atlantik.

Der Wind nimmt zu, die Wellen auch, kein Wunder, Tarifa ist eine der, wenn nicht gerade die windreichste Stadt Europas. Ein Surfer-Hotspot. Da ist die Stelle zwischen Spanien und Marokko am engsten, da wird der Wind richtig komprimiert. Wir können auch nicht klagen, aber so arg wie befürchtet wird er nicht.

Wir biegen ab Richtung Afrika. Da wird es richtig schön. Die Sonne kommt, die Wellen sind deutlich niedriger. Wir queren hinter dem Verkehrstrennungsgebiet. Fischerboote, die gefürchteten. Fischernetze, mit Ballons gekennzeichnet, die in den doch noch ziemlich hohen Wellen erst im letzten Moment auszumachen sind. Wir müssen aufpassen wie Schießhunde.

Schlimm aber, schlimm ist es bislang überhaupt nicht. Hoffen wir, dass wir das Kap bei Tanger früh erreichen und in Küstennähe abbiegen können. Bevor der vorhergesagte Sturm 42 Knoten gegenan -, kommt.

Wir sind gut in der Zeit. Die Wellen werden deutlich energischer, Atlantikfeeling. Noch ist alles im Wohlfühlbereich.

Es wird dunkel. Wir essen. Ich habe gestern abend noch eine Hühnersuppe vorgekocht, mit viel Ingwer. Zum Wärmen, Wohlfühlen, gegen Seekrankheit und überhaupt. Leider ist sie innerhalb von diesem einen Tag sauer geworden! Wir haben zu wenig Platz im Kühlschrank, und im „Salon“ war es anscheinend zu warm. (Ich habe lange in der Stadt einen freilaufenden Metzger gesucht – meine Hoffnung auf gutes Fleisch bei den Marokkanern und Spaniern hier, die Supermarkthühner sahen grauenhaft aus. Ich fand ihn und bekam- ein tiefgefrorenes Huhn aus Dänemark! In Gibraltar, lächelte er freundlich, gäbe es eben nur Felsen – und Affen!)

Das mit der Suppe vom tiefgefrorenen Huhn aus Dänemark war also nichts. Nächstes Mal müssen wir die Proviantierung besser planen. Verhungern aber werden wir nie – wir haben Spaghetti, die einmal um die ganze Welt reichen.

Der Wind nimmt nun doch zu, wie vorhergesagt. 25 bis 30 Knoten, von hinten, also ganz angenehm. Es schaukelt allerdings ohne Ende. Dass ich nicht seekrank werde, schreibe ich unseren dreimonatigen Schwellerfahrungen in verschiedenen Buchten zu…

Peter, noch putzmunter, übernimmt die erste Schicht. Es ist viel zu tun, reffen, ausreffen, AIS und Radar beobachten, ausweichen. Ich kugele mit jeder Welle in der großen Koje von einer Ecke in die nächste. Und übernehme um halb drei.

Um das Wachehalten wird eine regelrechte Wissenschaft betrieben. Manche Crews starten um 20 Uhr und schwören auf einen zwei-Stunden-Rhythmus, andere auf drei. Wir halten uns an keinen Zeitplan. Wer müde ist, darf ins Bett. Vier Stunden haben sich bisher als gut erwiesen. Wenn auf dem Meer viel los ist, geht die Zeit schnell rum. Und der andere kann am Stück vier Stunden, naja, nicht unbedingt schlafen, aber zumindest ruhen. Bislang klappt das ganz gut.

Die „Wache“ ist angeleint, das haben wir uns versprochen. Das heißt, der, der draußen ist, trägt einen Gurt wie ihn Kleinkinder bekommen, damit sie nicht aus dem Kinderwagen fallen (zu meiner Zeit war das jedenfalls so). Daran ist ein Karabinerhaken, mit dem hakt man sich an einem stabilen Tau oder ähnlichem ein.

Außerdem tragen wir eine kleine Epirb, die Alarm gibt, wenn man über Bord geht, damit der Schlafende überhaupt mitbekommt, dass der andere ein Problem hat….Ob ich die jedoch im Wasser vor Schreck auslösen könnte, ich weiß ja nicht… Besser wir fallen gar nicht erst. Und gurten uns eben an.

Und wir sind froh über unser Mittelcockpit! Die Wellen, die von hinten heranrauschen, haben viel Kraft und nötigen uns einigen Respekt ab. Die ins Cockpit einsteigen zu sehen und zu fühlen, wenn man im Cockpit hinten im Boot stehen muss – keine so angenehme Idee. Wir fühlen uns auf unserer Hugin sicher!

 

 

 

 

 

 

 

26.10.16, 8:30 h

Wir checken das Wetter nochmal. Und was wir sehen, gefällt uns überhaupt nicht. Das Starkwindfeld kommt früher als erwartet näher als gedacht. So ein Mist. Dann müssen wir näher an die marokkanische Küste, wo aber die Fischer mit ihren ewig langen Netzen lauern, meistens ohne Licht und sowieso ohne AIS. Und wir haben Neumond, die Nacht wird also stockfinster…

Also doch – warten? Bis Sonntag? Auch dann aber ist die Wettersituation noch nicht auszumachen, bislang gibt es sehr wenig Wind von hinten, das ist auch nicht gut. Wir sind einfach ein bißchen spät dran für das Mittelmeer…

Also doch – so früh wie möglich los und durch. Beschliessen wir.

13:20 UTC + 2 h  ist Hochwasser. Sechs Stunden davor sollten wir auslaufen, um mit dem Strom gehen zu können. Hat uns Greg gestern genau auseinandergesetzt.

Das ist gleich…Peter holt noch Brötchen, ohne frisches Brot ist er unglücklich und einen unglücklichen Käptn wollen wir ja nicht.

Nicole und Armin gehen schon jetzt – wir hoffen, dass wir uns auf den Kanaren oder spätestens in der Karibik wieder sehen. Es war so nett!

Und dann – see you, guys! Bye-bye Gib! Hola, Islas Canarias!

 

 

Morgen…

…geht’s los. Auf in den Atlantik. Wir sind aufgeregt, alle beide. Angst habe ich – Peter hatte die ja nie – eigentlich nicht mehr, ich freue mich. Und Peter sich ja sowieso.

Heute waren wir noch am Europa-point, dem westlichsten Punkt auf dem europäischen Festland. Sehr beeindruckend und geschichtsträchtig, immer wieder ein Symbol für die Vorherrschaft von wahlweise Arabern, Spaniern und jetzt eben Engländern. (Foto folgt, würde aber jetzt den Rest Internetkonto auffressen…)

Von da aus hat man eine wunderbaren Blick nach Westen. Da wollen wir hin! Morgen!

Obwohl wir überlegt hatten, die Abreise zu verschieben. Es kommt ganz schlechtes Wetter, man sollte halt doch Ende September aus dem Mittelmeer verschwunden sein.

Aber wenn wir morgen früh losziehen, sind wir rechtzeitig weg.

Alle machen uns Mut. Greg, der sechs Mal „rüber“ gegangen ist, hat alle Wetterinfos zusammengesammelt und dringend empfohlen, morgen zu gehen. Es würde super!  Ideale Zeit, wir würden es genießen! Naja, schaun wir mal…

Ein Segel haben wir noch mal eben gebraucht gekauft von John und Alex, die sechs Jahre lang in der Karibik gelebt haben und nur wegen der Enkelkinder (John hat lange Haare und einen Pferdeschwanz, aber auch freaks haben Enkelkinder…) wieder nach Europa gezogen sind, und die uns beneiden. Wir würden eine tolle Zeit haben!

Wir haben uns lange mit Armin und Nicole zusammengesetzt und Wetter über Wetter studiert und beschlossen – es geht! Sie gehen mit uns.

Und auch Sergio und Gemma aus Rom. Wir sind also drei Boote, eine kleine „ARC“ (die Atlantic cruising Rallye, mehrerer hundert Boote, die von den Kanaren starten).

Es ist total nett, so eine Gemeinschaft zu finden!

Madeira werden wir leider canceln müssen, ebenso wie Marokko, wir gehen direkt auf die Kanaren.

Drückt uns die Daumen! Wir sind denn mal weg…und offline für die nächsten sechs Tage…

 

 

 

 

Der Käptn…

…würde gern weiter ziehen, aber das Wetter will nicht so richtig wie wir wollen. Es stürmt auf dem Atlantik noch immer, wir bleiben noch etwas in Gibraltar.

Wer nun meint, wir könnten endlich Urlaub machen, der irrt. Zu einen ist immer (!) etwas auf dem Schiff zu reparieren, zum anderen kostet es unglaublich viel Zeit, den Alltag zu organisieren.

Einen Bäcker zu finden. Einen Supermarkt. Internet!!! Und das alles zu Fuß. Wer segelt, ist nicht nur auf dem Wasser zur Langsamkeit verdonnert, sondern auch an Land.

Aber wir haben noch Zeit, uns mit anderen Seglern zu treffen.

Nicole und Armin, zum Beispiel. Zwei Deutsche, die mit der ARC (die Regatta, die organisiert und im Pulk von den Kanaren in die Karibik segelt) schon zweimal unterwegs waren und nun in 15 Monaten um die Welt segeln wollen. Wir schlucken.

Den gesamten Sonntagvormittag und halben Nachmittag opfern sie, um uns mit dem Iridium zu helfen. Und jetzt haben wir’s! Wir hatten schlicht den hotspot nicht als solchen angewählt…Jetzt müsste es klappen Armin sei Dank.

Ihnen hat unser Blog so gut gefallen, dass sie nun doch auch einen wollen (Sebastian, das ist ein Kompliment an Dich!). Da konnten wir ihnen leider wenig helfen, wir füllen ihn ja nur…Wir hätten uns gern mit Hilfe revanchiert…

Abends kommen Natasha und Greg, zwei Engländer in unserem Alter und jünger, ehemalige Polizisten, die, wie Bernhard und Beate in Cartagena, auch ausgestiegen sind. Unglaublich freundlich und hilfsbereit, sie machen mir Mut für den Atlantik. Nehmt Euch Zeit, raten sie, wartet den richtigen Zeitpunkt ab, dann wird es wunderbar! Und lasst von euch hören! Machen wir ganz bestimmt.

So, der Akku ist fast leer, so viel für heute! Liebe Grüße nach Deutschland an Euch alle aus dem mittlerweile wieder relativ sonnigen Gibraltar

 

 

 

 

Die Affen…

…rasen hier nicht durch den Wald, sondern über die Felsen von Gibraltar – es gibt sie wirklich! Die Legende will, dass Gibraltar so lange den Briten gehört, wie es Affen auf dem „Rock“ gibt. Churchill soll angeblich extra welche eingeflogen haben, damit sie nicht aussterben…

Und wir haben sie besucht! Das war toll. Wir hatten Glück mit dem Wetter und einen Blick bis Afrika – da wollen wir hin!

Nachdem Peter den neuen Autopiloten eingebaut hatte, stehen die Chancen auch gut, dass wir es schaffen. Mein Mann ist ein Held – hatte ich das schonmal gesagt?

Der Autopilot…

…ist es diesmal, der den Geist aufgibt. Wir haben das Gefühl, dass doch nun alles kaputtgegangen ist, was hätte kaputtgehen können?

Der Autopilot hatte schon beim Einlaufen nach Gibraltar seinen Dienst quittiert – unter lautem Hupen: „Kein Signal mehr“. Das war etwas beängstigend, doch wir hofften, durch Neustarts, Downloads und mit viel Glück ihn wieder zum Leben zu erwecken.

Keine Chance.

Aber es gibt Tim, einen sehr fitten Raymarine-Techniker, der sich inmitten seiner vielen Arbeit kurz Zeit für uns nimmt. Das Urteil ist gnadenlos: Computer kaputt. Oh nein! Er war nur fünf Jahre alt! Das war nicht im Budget vorgesehen…

Und hoffentlich haben sie im Marineshop überhaupt Ersatz vorrätig, sonst können wir unseren Törn vergessen. Etwas von der Insel, England, nachzubestellen, dauert Wochen…

Woi st das Gute im Schlechten? Der Totalausfall hätte uns beim Überqueren des Atlantiks ereilen können, das wäre noch schlimmer gewesen. Und da auf Gibraltar die Mehrwertsteuer entfällt, kommen wir etwas günstiger davon als anderswo.

Wir haben Glück. Wir bekommen Ersatz, einen neuen, der angeblich ohne große Umbauten den alten ersetzen kann. Von wegen!

Also basteln wir mal wieder, Pardon: Peter. Versuchen, die Installationsanleitung zu verstehen, bauen das Boot auseinander…Und ab heute gibt es nur noch Wasser und Brot!

Gibraltar…

… ist very british. Die Architektur, die Sprache natürlich, die Umgangsformen – very polite -, das Wetter!

Und gleichzeitig ist es international. In das Britisch auf den Straßen mischt sich Spanisch, Marokkaner gibt es viele, Inder, orthodoxe Juden. Ein wahrer Schmelztiegel! Sehr spannend.

Wir liegen in der Queensway Marina, inmitten von wohlgestalteten Wohnblocks. Wo bei uns ein großer Spielplatz wäre, ist hier – Wasser! Und liegen Segel- und Motorboote. Freundliche Mitarbeiter, die Duschen sind ohne jeglichen Charme, aber sehr sauber, wir sind nur einen Katzensprung von der Innenstadt entfernt, haben Ausblick auf den „Rock“ – was wollen wir mehr. Günstig ist es erstaunlicherweise auch. Der Pfundkurs…und wir zahlen keine Mehrwertsteuer.

Das Internationale schlägt sich erfreulicherweise auch kulinarisch nieder: Hervorragende Curry-Restaurants gibt es, marokkanische Imbisse, britische Pubs; die kleinen marokkanischen Supermärkte haben endlich an Obst und Gemüse, was wir schmerzlich vermisst haben.

Das ist insofern nicht schlecht, als wir hier bis mindestens Dienstag bleiben dürfen müssen – der Wind auf dem Atlantik kommt aus der falschen Richtung, und das auch noch stark…Lieber wir nicht.

So haben wir auch mal Zeit für Kulturelles!

Einmal im Jahr wird auf dem Platz der Kasematten „Die Zeremonie der Schlüssel“ dargeboten, die Übergabe des Schlüssels für die Tore, die Gibraltar von Spanien trennen. Anwesend – der Gouverneur, Marine, Soldaten, das Corps, jede Menge Polizei mit Hunden. Wir haben eine Platz in einer der abgesperrten Bühne nahegelegenen Kneipe ergattert und staunen. Die Zeremonie folgt einem festen Ritual, das auch für die Zuschauer vorgegeben ist: Sie bekommen ein Programmheft, in dem steht, was sie wann zu tun und zu lassen haben. Natürlich wird die Hymne gespielt, dann alle stehen auf, selbst die Jüngeren, stramm, Hände an der Hosennaht.

Auf der anderen Seite albern Marineoffiziere während der Darbietung mit ihren Kindern auf dem Schoß, haben die Familie an ihrer Seite, das nimmt dem Ganzen den Bierernst. Frauen sind im Marinecorps! Ein Käppi auf wie weiland Miss Marple – was Gleichberechtigung angeht, sind die Briten uns ganz schön voraus. Die Damen werden von ihren Gatten begleitet, die Kinderwagen und Kinder hüten. Auch nett.

Neben uns sitzt Dorothy, einen elektrischen Rollator an ihrer Seite, sie zittert stark, vielleicht Parkinson, taub ist sie auch noch. Aber nimmt lebhaft Anteil am Geschehen und hat fast keine Darstellung ausgelassen. Sie kommt aus Gibraltar, wurde mit acht Jahren nach England geschickt, um sie vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen – Hitler wollte Gibraltar einnehmen – Operation Felix. Dorothy kam vom Regen in die Traufe: Die Deutschen griffen England an, nun ja, die Briten dafür dann die Deutschen. Unsere Mütter und Großmütter hätten sicher ähnliches erlebt. Jetzt gäbe es wieder Krieg, ob die Menschen denn nie dazu lernen würden? Wir können ihr nur beipflichten. Wir tauschen Emailadressen aus, sie ist historisch sehr bewandert und verspricht, uns alles mögliche zu schicken. Und ich finde es schön, dass solche Begegnungen über den Teich offen und ohne Vorbehalte möglich sind.