Es ist Sontag, der 24. Und es wird nicht unser bester Tag…
Dabei beginnt alles so gut. Wir legen ab Richtung Lipsie, 25 sm, ca. 50 Kilometer also, wir haben den Wind von hinten und gleiten über das Meer. Ach, ist Segeln schön!
Die Freude währt eine Stunde. Dann schläft der Wind ein und die Wellen übernehmen das Kommando. Und schaukeln, nein werfen uns von einem Bug auf den anderen. Es ist nicht eben magenfreundlich…
Die Fock schlägt bedrohlich um sich, weil sie keinen Wind mehr hat, wir baumen aus (d.h., man setzt ein Aluminiumrohr an den Mast und befestigt das Vorsegel daran, um ihm Stabilität zu geben und die Möglichkeit, den Wind zu fangen. Das Vorsegel hat normalerweis keinen Baum, sondern bewegt sich frei). Peter, um genau zu sein, baumt aus. Peter bewegt sich wie eine Bergziege bei dem Wellengang. Ich krieche auf allen Vieren oder rutsche auf dem Hosenboden. Ich bin ihm nicht wirklich eine Hilfe. Peter wird etwas ungnädig. Ich kann es ihm nicht verdenken…
Eine halbe Stunde später gauchen (so nennt man das Schaukeln) wir immer noch und kommen nicht voran.
Aber wir haben ja für solche Fälle einen Parasailor! Ein super Segel für Schwachwind, vom Papst der Langfahrtsegler Bobby Schenk höchstpersönlich empfohlen: einmal gesetzt, nie wieder runtergeholt.
Die Rettung. Und ganz schnell mal eben angeschlagen, easy zu bedienen. Ich bin nicht so sicher, „mal eben“ geht in der Regel auf dem Boot gar nicht. Peter schimpft mich eine Pessimistin.
Eine Stunde später sitzen wir entnervt vor dem noch immer nicht entfalteten Parasailor. Das gute Stück war in der Segelmacherei zum Checken und saubermachen, und die haben es dermaßen dilettantisch zusammengelegt, dass nichts mehr zusammenpasst. Wir drehen, entwursten, entfalten, bis es denn klappen könnte…mittlerweile ist der Wind so stark, dass der Parasailor überfordert ist.
Wir setzen die Fock und reffen sofort. Starkwind, Böen bis zu 35Knoten. Das ist auf dem Kurs nicht schlimm, zu segeln, aber alles andere als easy sailing. Wer die Baccardi-Werbung erfunden hat, lügt!
Geschafft! Wir werfen den Anker in Lipsi-Bucht und gehen erstmal baden.
Dann überlegen wir den nächsten Tag. Wir wollen endlich nach Westen stechen und das bekannte Segelrevier verlassen. Paros, bestimmt Peter. Ca. 50 sm.
Ich messe nach. Es snd 70 sm, etwa 14 Segelstunden. Und ich weigere mich!
Peter argumentiert, es sei Halbwindkurs, der angenehmste also. Außerdem müssen wir endlich voran kommen! Ich kenne den Halbwindkurs im Starkwindrevier und sage erst recht nein. Klar, wir müssen ein Starkwindrevier kreuzen, aber 14 Stunden sind mir zu viel Plackerei. Unsere große Reise steht unter dem Versprechen, „Segeln und genießen“ und nicht „Segeln und leiden“! Peter überlegt, mich in den nächsten Flieger nach Athen zu setzen.
Wir gehen erstmal essen.
Der Grund, in Lipsi zu ankern, ist nicht unbedingt die Bucht selbst. Die ist klein, wildromantisch, leider total fischarm. Der Grund ist „Das Paradies“. So hat ein Segler mal die bis dato namenlose Kneipe am Strand getauft, bevor Tripadvisor auf sie aufmerksam wurde und sie sich seitdem „Dilaila“ nennt. Das hat der Küche zum Glück keinen Abbruch getan. Sie ist einzigartig in der Ägäis.
Zehn Jungs werkeln konzentriert-entspannt an den Herden, an der Wand prangt eine riesige Flagge mit dem Konterfei Bob Marleys und dessen Schrei nach „Freedom“.
Freiheit nehmen sich auch die Jungs der Dilaila in der Komposition ihrer Zutaten. Alles kommt aus Lipsi und wird höchst kreativ und köstlichst gemixt. Kichererbsen mit Feigen, Rosinen und Zitronendressing, Orangen mit Feta , Gurke und Minze, und über allem: der crazy feta. Ein scharfer, überbackener, cremiger Schafskäse, Unvergleichlich.
Bob Marley im Sinn und das wunderbare Essen im Magen gehen wir nochmal an unsere Törnplanung. Ich schlage Peter Amorgos vor. 50 sm, Und wir verlieren einen Tag.. Einen Tag von 14 Monaten! Peter seufzt. Und willigt ein. Ich könnte ihn küssen! Und das tue ich dann auch…
