Geza…

Bermuda, 29.5.2017

…ist ein Schatz. Er leitet den, nein, er ist der trans-ocean-Stützpunkt auf Bermuda, Anlaufstelle für Mitglieder dieses internationales Seglernetzwerkes. Hauptberuflich zapft er in einer der besten Kneipen St. Georges, im Wahoo’s.

Er ist Deutscher und lebt seit 37 Jahren hier. Schon bei der Suche nach Gas war er uns per Email behilflich, nun aber kutschiert er uns an seinem freien Tag um die ganze Insel, denn wir erwartet stellt sich die Suche nach einer ordinären Dichtung für den kaputten Auspuff als kompliziert heraus – es gibt sie nirgends. Am letzten Eck erst werden wir fündig.

Und Geza – schlägt die Einladung zum Frühstück aus und das Benzingeld sowieso. Er ist froh, wenn er uns hat helfen können.

Geza, Dir an dieser Stelle ein Denkmal. Danke. Thanks a lot, young man.

Der Segen

Bermuda, 28.5.2017

Es ist Sonntag, wir genießen unser Frühstück. Ein kleines Motorboot fährt umher. Hält an einem, hält an anderen Booten. Drei Männer in bunten Gewändern stehen vorn. Dann kommt es auf uns zu.

Es sind Pfarrer! Ein katholischer, ein evangelischer, ein Messdiener. Ob wir möchten, dass unser Boot gesegnet wird?

Och, das kann ja nichts schaden. Ja, gerne. Und so segnen sie unsere Hugin. Wir bekommen noch eine Urkunde, ein Büchlein, sehr hübsch aufgemacht, mit Bibelsprüchen, die uns auf unserer Reise helfen sollen. Eine Spende nehmen sie nicht an. Dann sind sie weg, im Namen des Herrn.

Und wir – freuen uns.

Hamilton

Bermuda, 27.5.2017

Wir laufen weiter nach Hamilton, gespannt, wie es dort an einem normalen Tag aussieht. Naja, normal.

Ich möchte gern in den Norden der Stadt, das war einmal, schreibt unser Reiseführer, sozusagen das Harlem Bermudas. Kriminalität, Drogen, Hoffnungslosigkeit.

Bis irgendjemand es geschafft hat, die Bewohner bei ihrer Würde zu packen und ihnen zu erklären, dass sie verantwortlich sind für sich und ihren Stadtteil. Und dass sie etwas daraus machen können. Offensichtlich mit Erfolg.

Ein riesiges Wandgemälde an prominenter Stelle zeigt, dass Schwarze von Bermuda es zu etwas gebracht haben – Sportikonen. Vorbilder.

Wir finden zwar nicht das lebendige, trubelige Viertel mit netten Kneipen (wir hatten auf Musik gehofft), das der Reiseführer beschreibt, aber wir – die einzigen Weißen weit und breit -, werden überall höflich und freundlich begrüßt, nie angemacht, fühlen uns nie bedroht.

Schade, dass wir zu keinem Musikabend kommen. Wie nehmen den Bus zurück und verkrümeln uns wieder auf dem Boot. Und das, unter Sternen, die Lichter St. George’s um uns herum, ist auch sehr schön.

John Lennon was here

Hamilton, Bermuda, 27.5.2017

1980 segelte der Ex-Beatle von New York nach Bermuda, um sich hier zu erholen und die Schreibblockade, unter der er seit 5 Jahren litt, möglicherweise zu durchbrechen.

Er besuchte den Botanischen Garten und fand dort eine Fresie, die er bewunderte. Sie hieß: double fantasy.

Und die inspirierte ihn zum Titel seines Albums, das er nach seinem Aufenthalt wieder komponierten konnte und später in New York aufnahm. Ein Doppelalbum. „Double fantasy“. Sein letztes Album. Wenige Monate später wurde er in New York erschossen.

Die Skulptur am Eingang des Botanischen Gartens soll an ihn, den begnadeten Musiker und Texter, erinnern. Eine Gitarre, sein Gesicht mit der typischen John-Lennon-Brille, rechts und links Friedenstauben.

Die Fresie finden wir leider nicht. Überhaupt ist der Botanische Garten leider in deutlich desolaterem Zustand als viele Vorgärten, die wir gesehen haben.

Aber ein Museum gibt es dort, eine Gemäldesammlung. Werke von Georgia O’Keeffe sollen dort zu sehen sein, eine nordamerikanische Malerin, die ich verehre. Auch sie litt unter einer künstlerischen Blockade und kam nach Bermuda, um sich zu erholen und Abstand zu gewinnen.

Ausgestellt ist eine Zeichnung, ein verästelter Baum. Keine Frage, außergewöhnlich. Ich aber hatte mich auf eines ihrer kraftvollen Gemälde gefreut und bin ein bisschen enttäuscht.

Dennoch, das Museum ist einen Besuch wert. Eine Privatsammlung, vor 30 Jahren begonnen. Ausgestellt sind Bilder aller Künstler, die auf Bermuda waren und Motive verewigt haben. Eine kunsthistorische Zeitreise und sehr beachtlich.

Wir laufen weiter nach Hamilton, der Hauptstadt Bermudas. Auf dem Weg liegt das
Bermuda Underwater Exploration Institute, ein Museum, in dem man die Unterwasserwelt entdecken kann.

Und das ist richtig beeindruckend.

Viele Erklärungen der Unterwasserwelt. Filmausschnitte über die Verschmutzung der Meere, die Überfischung (der Papageienfisch, unser schöner Papageienfisch, ist vom Aussterben bedroht!), Klimaerwärmung und ihre Auswirkungen – ein Aufschrei. Ach, wenn Mr. Trump sich doch herablassen würde, hier mal vorbeizuschauen…Wir jedenfalls beschließen sofort, eine Greenpeace-Station auf unserer Hugin einzurichten, wenn wir im Ruhestand sind.

Am tollsten aber ist eine virtuelle Mitfahrt auf einem der Renn-Katamarane des America’s Cup. 3-D-Brille, 360Grad-Blick, Geräusche inklusive. Der Wahnsinn!

Berauscht verlassen wir das Gebäude, sprachlos, was diese kleine 22 Kilometer lange Insel alles bietet.

Und sind noch lange nicht fertig…..

Houston, doch wieder ein Problem…

Bermuda, 27.5.2017

Es wäre ja auch zu schön gewesen. Keine technischen Probleme mehr zu haben.
Peter checkt den Dieselfilter, der ist leider wieder ziemlich verstopft – der letzte alte Tank ist einfach zu dreckig, in Europa müssen wir ihn ersetzen, sonst haben wir nie Ruhe.

Bei der Gelegenheit checkt der Käpt’n den Motor, und was er sieht, gefällt ihm und mir gar nicht. Ich hatte während der Überfahrt schon gemeint, Abgase in unserer Koje zu riechen, Peter hatte nichts Ungewöhnliches gefunden, wir hatten es uns dann so erklärt, dass sie aus dem Auspuff zurückgewirbelt werden. Leider nein. Das Knie, das in Martinique eingefügt wurde, um zu verhindern, dass bei achterlichen Wellen Wasser in den Motor eindringen kann, dieses Knie ist gebrochen. Durch den Riss kommen Abgase ins Boot. Gar nicht gut. Also müssen wir uns auf die Suche nach jemandem machen, der schweißen kann. Und Peter braucht Dichtungen….Das verspricht eine nette Schnitzeljagd zu werden…

Ich dringe auf Wichtigeres. Ich will endlich Kultur! Museum! Kunscht!
Wir ziehen los.

Der Sturm…

Bermuda, 26.5.2017

…ereilt uns nun doch. Bis zu 40 Knoten Wind sind angesagt, der Start des America’s Cup wird abgesagt. Zum Glück doch ein Quäntchen Verstand, es hätte Tote geben können.

Unser Anker hält nicht besonders….Wir haben zwar sehr viel Kette – 60 Meter – gesteckt, aber ganz sicher fühlen wir uns nicht. Also bringen wir den Zweitanker aus, den, den wir um die halbe Welt am Mast mitgeschleppt haben, der immer im Weg, von mir belächelt, war, und der nur auf diesen einen, seinen großen Moment gewartet hat.

Und wieder bewundere ich meinen Mann (ich muss dieses Loblied einfach noch einmal singen). Es ist unglaublich, mit welcher Weit-, Umsicht er vorgeht, obwohl er dieses Manöver noch nie gemacht hat. Jeder Handgriff sitzt, alles ist wohl überlegt. Käpt’n, mein Käpt’n…!!!

Um 12 Uhr hat es höchstens 22 Knoten geblasen. Nicht so schlimm, wie angekündigt. Dennoch, wir bleiben lieber an Bord und machen Haushaltstag…

Um 14 Uhr, wir sitzen gerade auf Deck beim Mittagessen, ist es dann soweit. Eine kanadische Yacht schiebt sich, Heck voran, in unser Blickfeld. Da stimmt was nicht! In der tat, sie slippt, der Anker hält nicht, und niemand ist an Bord. Zwei junge deutsche Skipper sind ihr mit ihrem Dinghi und Zweitanker schon auf den Fersen, Peter eilt ihnen zu Hilfe und ich setzte meinen ersten offiziellen Funkruf ab: „Securite’, securite’, securite’, to all ships in powder hole, all ships in powder hole, this is sailing yacht Hugin….“

Mehr Dinghis sammeln sich, um zu retten, und für’s erste scheint die Gefahr, das kanadische Boot könnte auf Felsen gespült werden oder andere Boote rammen, gebannt.

Kurz darauf geht eine andere Yacht auf Slip, auch da bricht hektische Aktivität aus.

Der Kanadier slippt wieder, Peter erbarmt sich erneut und bringt zusammen mit zwei Amerikanern das Schiff nach langen Versuchen endgültig zum Halt.

Zwischendurch bläst es mit 28 Knoten, da schaukelt es schon ganz ordentlich. Aber unsere Anker…halten!

Abends wird es ruhiger, die Vorhersage von 40 Knoten erfüllt sich zum Glück nicht.
Dafür regnet es stark, wir verkriechen uns unter Deck und gucken ausnahmsweise mal Kino: einen alten James Bond – Film mit Roger Moore. In memoriam…

Der America’s Cup…

Bermuda, 25.5.2017

…wird auf Bermuda ausgetragen! Das größte, teuerste Segelrennen der Welt, vergleichbar mit der Formel1. Und er startet am 26.5.

Karten sind für den Start leider nicht mehr zu bekommen, die für’s Wochenende sind teuer, außerdem kann man sowieso nur die Übertragung auf der Leinwand verfolgen. Da suchen wir uns lieber einen Pub mit Publicviewing in St. George.

Aber wir nehmen den Bus nach Dockyard, wo die Rennmaschinen liegen, und versuchen, einen Blick darauf zu werfen.

Das Gelände ist natürlich gesperrt, aber wir laufen hoch zu einem Fort und haben von der Mauer Sicht auf das, was da unten vorbereitet wird. Das sind keine Boote mehr, das sind halbe Flugmaschinen. Auf dem Wasser segeln ein paar dieser Teile Probe, ach was, segeln: rasen, fliegen, dafür müssen neue Ausdrücke erfunden werden. Sehr beeindruckend, aber auch sehr unnatürlich und so gar nicht unsere Welt.

Wir zockeln mit der Fähre zurück (auch immerhin locker mit 20 Knoten), gönnen uns noch ein Bier und verkrümeln uns auf unser kleines, normales Segelbötchen.

Bermuda-Day…

wird am 24.5.

jeden Jahres gefeiert, wir haben Glück, wir sind dabei! Ursprünglich wurde der Tag seit 1902 begangen, um den Geburtstag der Queen zu feiern und alle Kolonien zu vereinen.
Bermuda ist seit langem unabhängig, selbstverwaltet, und feiert trotzdem.

Mittlerweile ist es ist der inoffizielle Sommerauftakt der Insulaner, sie begrüßen ihn angeblich mit dem ersten Bad im Meer (Bermuda ist das nördlichste Riff der Welt!). Peter tut es ihnen nach, ganz ohne Protest, auch wenn die Wassertemperaturen unter 25 Grad liegen..

Übrigens ist es auch der Tag, der die Bermuda-Shorts-Saison einläutet – diese kurz über dem Knie endenden Männerhosen, getragen mit Kniestrümpfen…aber diese Tradition pflegt mein Mann leider nicht…

Die Parade findet in der Hauptstadt statt, in Hamilton. Wir nehmen den Bus dorthin. Rosafarben. Unglaublich: Es gibt einen Fahrplan! Der Bus fährt pünktlich ab! Die Türen schließen! Die Stoßdämpfer sind in Ordnung!

Restlos begeistert aber sind wir, als wir die Insel auf der Fahrt sehen. Kein einziges hässliches, architektonisch missratenes Haus. Niedrige Gebäude in Pastellfarben überall, umgeben von – und hier merkt an den britischen Einfluss deutlich – Gärten und Parks.
Die Dächer, ursprünglich von Schindeln gedeckt, sind heute aus Beton, weiss gestrichen. So konstruiert, dass Regenwasser gesammelt werden kann. Über Wassermangel kann sich Bermuda sicher nicht beklagen, seit wir hier sind, regnet es viel…

Aber deswegen blüht es auch. Bermuda liegt am Golfstrom, das Klima ist mild, und das lässt Pflanzen bestens gedeihen. Palmen, Frangipani, Bougainvilleen, Oleander, Malven, durchzogen von lilafarbenen Ranken, Bermudians, Lilien – eine einzige Pracht. Und daneben das Meer – türkisfarben…!!! Ein Traum.

Bermuda ist ganz sicher eine der schönsten Inseln, die wir bisher gesehen haben. Welche Überraschung.

Die Parade in der Hauptstadt ist nett. Die ganze Insel scheint aus den Häuschen zu sein, hat sich am Straßenrand versammelt, applaudiert, feuert an, grüßt die Vorbeimarschierenden, Tanzenden, Umzugswagen der Vereine und Organisationen, die sich präsentieren. Wir schlendern durch die Straßen, genießen, und beschließen, unbedingt noch einmal nach Hamilton zu kommen, wenn der Alltag wieder Einzug gehalten hat…

Kleiner Haken: Ein Bier kostet 10, ein Brot 8 Dollar, um mal das Lebenswichtige zu nennen. Und wir dachten, nach den BVIs könnte uns diesbezüglich nichts mehr erschüttern…

Wettermeldungen (zu lesen vor „Bermuda, sorry)

22.5.2017, Atlantik, 30 Grad 34,5 N, 65 Grad 10,5, W

Es war ja klar, dass das nicht ewig halten würde. Ein Blick aufs Navtex mit den neuesten Wettermeldungen über Bermuda verheißt nichts Gutes. Sturmwarnung, nördlich der Bermudas, aber mit Auswirkungen bis weit in den Süden…also kann es auch uns treffen.
40 Knoten, bis zu 6 Meter hohe Wellen…

Ich bekomme sofort weiche Knie. Wer Angst hat, hat Phantasie, habe ich mal gelesen. Und ich habe viel Phantasie…!Nicht ganz aus der Luft gegriffen übrigens, letztes und vorletztes Jahr sind Yachten um diese Zeit in einen heftigen Sturm vor den Azoren gekommen.

Peter , mein kluger Mann, ruft , um mich einzufangen, sofort die Wettermeldungen der „Wetterwelt“ ab, die ziemlich zuverlässig sind und uns täglich über das Satellitentelefon geschickt werden. Der beruhigt – bis Mittwoch auf den Bermudas nichts Schlimmes, danach wird der Wind stärker, aber da sind wir ja geschützt…

Dennoch – die Wellen melden sich schon mal. Sie werden deutlich höher, 1,50 bis 2 Meter. Dafür landen wir offensichtlich im Kern des Hochs – wir haben absolut überhaupt gar keinen Wind mehr. Das verbunden mit hohen Wellen macht das Fortkommen schwierig. Wir motoren, werden immer wieder von den Wellen gestoppt, werden langsam, langsam, langsam…und wie ein Korken hin- und hergeworfen.

Aber das Ende ist absehbar. Morgen kommen wir auf Bermuda an!