Kalabrien per Auto IV

Wir ziehen weiter über die Berge. Auch in der Kirche von Riace gab es übrigens keine „echten“, sonder nur elektrische Kerzen, was dem Eindruck einen ganz kleinen Kratzer verschafft hat. Aber nur einen winzigen…

Die Landschaft ist immer noch grandios, die Dörfer arm. Im Norden wirkt die Region etwas reicher, da gibt es etwas Industrie – und Weinanbau. Der Wein aus Kalabrien ist sehr gut, selbst der einfachste.

Wir wollen den Tag beenden mit einem schönen Abendessen an einem schönen Ort. Unsere „Ristorantes“ in Roccella, oder jedenfalls die, die annähernd einladend wirken, haben wir alle abgeklappert und wollen nicht schon wieder das einzige Spaghettigericht auf der Karte des Capolinea bestellen, wo wir eh Stammgäste sind.

Eine Deutsche, die mit und gewalkt ist, hatte mir eine Spaghetteria in Gioiosa empfohlen, die wir wie durch ein Wunder auch finden, aber sie ist leer, der Platz davor auch – wir ziehen weiter.

Die Bar an der Hauptpiazza sieht ganz nett aus, aber die haben nur Brötchen und schicken uns ins „Ricaroka“. Da wären wir allein nie reingegangen, von außen sieht es aus wie ein schlecht imitiertes Moulin Rouge, aber wir haben Hunger und keine Alternative.

Innen ist es, nunja, haarscharf am Kitsch vorbei, immerhin spielen sie ganz ordentlichen Jazz und bemühen sich offensichtlich um Niveau, was sich auch daran zeigt, dass es eine Klobrille gibt. Zwar gebrochen, aber der Versuch ist immerhin spürbar…

Vor uns sitzt eine sechsköpfige amerikanische Familie, die den miesesten Vorurteilen, die man haben kann, alle Ehre macht – sie sind nicht nur übergewichtig, sondern richtig fett, stopfen das Essen in sich hinein und hängen über ihren Handys.

Unser Kellner bringt den Wein, und der lässt uns alles andere vergessen. Er ist schlicht himmlisch. Gemacht aus der Greca-Traube. Ein Gedicht. Ebenso wie das Olivenöl.

Die Spaghetti sind auch nicht schlecht, mit Tomaten, Pinienkernen, Sardellen, Rosinen.

Dazu muss man einfach nochmal ein Viertel des wunderbaren Weines bestellen, der dann sehr großzügig bemessen auf den Tisch kommt. Kann man den stehen lassen? Auf keinen Fall! Peter gibt zwar zu bedenken, dass er fahren muss, aber leichtfertig tue ich das ab: Wir sind doch in Italien und nicht in der Türkei, wo die 0,0 Promille-Grenze gilt! Da hatte Peter mittags ein Glas Bier getrunken und wir waren abends in eine Polizeikontrolle geraten, die noch einen winzigen Rest Alkohol beim Pusten entdeckte und uns fast jede Menge Scherereien gemacht hätte…

Nicht betrunken, aber doch bestens gelaunt also fahren wir „nach Hause“. Am Ausgang von Gioiosa – Carabinieri. Die sind zum Glück mit einem anderen armen Teufel beschäftigt. Wir atmen auf. 6 Kilometer bis Roccella – das schaffen wir!

Am Ausgang der Marina – Carabinieri, die offensichtlich auf Gäste gewartet haben, die zu gut gegessen und getrunken haben…Italien ist auch nicht mehr das, was es mal war…

Kalabrien per Auto III- Dieser freundliche alte Herr

…zeigt uns stolz sein Dorf und erzählt die Hintergründe. 1989 kamen die ersten Flüchtlinge aus Bangladesch, Pakistan und Afrika nach Italien. Statt sie auszugrenzen, hat Riace sie integriert. Das Dorf, vom Aussterben bedroht, hat nun neue Bewohner gefunden, die es beleben. Und es scheint zu funktionieren. Bewundernswert.

Wir kaufen unserem Fremdenführer Kaktusfrüchte als Dank ab und über dem Feuer getrocknete Feigen, die er mit seinen Pranken nochmal ordentlich befühlt, wie um zu spüren, ob er sie denn verkaufen kann…Ach ja – ein paar Ohrringe aus Papier habe ich natürlich auch erstanden. Garantiert regenfest!

Kalabrien per Auto II

…und kommen nach Riace. Riace, ein Bergdorf, arm, empfängt uns in Regenbogenfarben. Wir trauen unseren Augen nicht. Offensiv und freudig verkündet Riace, welche Nationalitäten hier leben: Pakistani, Eritreer, Afghanen, Togo, Gambia, Malesen und so weiter. Verwundert tasten wir uns durch die Gassen. Handwerker, die aus Papier Schmuck und Taschen fertigen, Holzfiguren produzieren, Decken besticken. Jedes Kunsthandwerk einer Nationalität zugeordnet, jedes in einer kleinen Werkstatt, die zum Besuch einlädt, zum Kaufen oder aber auch nur zum Schauen. Riace ist bunt.

Kalabrien per Auto I

Wir haben uns ein Auto gemietet. Schweineteuer, aber wir müssen mal raus.

Der Tag wird etwas überschattet – meine Patentante ist gestorben, und ich wäre sehr gern nach Deutschland zur Beerdigung geflogen, aber Flugpreise und –zeiten sind aberwitzig. So packt mich ab und an eine große Traurigkeit, vielleicht ist es gerade gut, im Auto die Landschaft an mir vorbeiziehen und meine Gedanken fliegen zu lassen.

Erste Station ist Locri, von dem alle schwärmen – griechische Skulpturen, Ausgrabungsstätten, das Museum! Nur leider hat das Montags geschlossen…

Wir fahren in die Berge. Und das ist es so schön! Grün, saftig, frisch. Als wir nach dem Weg fragen, schaut uns unsere Auskunftgeberin zwar zweifelnd an – der Weg über die Berge zur nächsten von Carla empfohlenen Stadt ist kurvig, eng, geröllig – manchmal kaum passierbar! So ist es denn auch, aber wir kommen heil durch eine grandiose Landschaft mit sagenhaften Ausblicken.

Mitten im Nichts – zwei Verkaufsstände, von Männern gehütet, mit Oliven, Käse, Brot, Spezialitäten aus der Region. Wir fragen uns, wer hier etwas kauft? Wir haben kein einziges weiteres Auto gesehen. Aber immerhin wir schlagen zu. Olivenöl? Das hat er leider nicht, im nächsten Ort.

Ein verlassenes Nest. Wir suchen das Olivenöl. Und finden einen kleinen Laden. Vor uns eine Familie, die sich Brötchen belegen lässt und ausgiebig über das wie und was debattiert. Das dauert, wir werden typisch deutsch ungeduldig und lästern, als sich die Frau umdreht und auf „denglisch“ anspricht. Ihr Mann arbeitet in München, stellt sich heraus. Sie will im November mit dem Rest der Familie hinterherziehen und hofft auf Arbeit. Es gibt für die Kinder hier keine Zukunft. Wir wünschen ihr viel Glück und schämen uns für unsere Ungeduld. Und ziehen mit belegten Brötchen und zwei Flaschen selbstgepresstem, sehr gutem! wie die Besitzerin verspricht, Olivenöl ab. Ich glaube es ihr sofort. Die Menschen sind stolz auf ihr Land. Und auf das, was es hergibt.

Nach einem Picknick im kühlen Wald erreichen wir endlich Gerace – hochgelobt nicht nur von Carla, sondern von allen, die wir fragten. Vielleicht liegt es daran, dass es irre heiß ist – aber uns gefällt es da nicht so.

Ich möchte eine Kerze anzünden für meine Tante. Ich bin zwar nicht gläubig, aber Kerzen anzuzünden für die Menschen, die mir nahestanden und wichtig waren, finde ich eine schöne Tradition.

Gerace hat einen bekannten Dom. Doch der hat geschlossen. Von 12:45 bis 15 Uhr. Also harren wir aus, trinken Cafe, laufen durch die Gassen und finden das Städtchen immer noch nicht besonders. Um 15 Uhr öffnen sich die Pforten der Kathedrale – ein Museum mit allem Prunk, zu dem die katholische Kirche fähig ist, ist ihr angeschlossen, in der Kathedrale selbst dann – elektrische Kerzen. Per Knopfdruck zu entzünden. Neben einem entsetzlich entstellten Jesus. Nein, so dann doch nicht.

Wir fahren weiter…

 

 

 

 

Powerwalking

Carla hatte die Idee. Carla, die freundliche Carla im winzigen Tourist-Office der Marina, erblickte uns beim täglichen Bier in der Bar nebendran und lud uns ein zum Fitwalking. 10 Kilometer, nur zwei Stunden, super Sache, macht sie regelmäßig. Obwohl, diesmal ist es Powerwalken, etwas länger, 15 Kilometer. Aber machbar, keine Frage. Wer kann dazu schon nein sagen. Zumal wir uns seit zwei Monaten außer gelegentlichen Miniwanderungen und dem Fahrradstrampeln in die Stadt nicht wirklich bewegen…Allerdings – 15 Kilometer? Dreimal Ebersteinburg-Baden-Baden? Zweimal Ebersteinburg-Merkur??? Egal, kneifen ging eh nicht mehr. Obwohl uns leicht mulmig wurde, je näher der Termin kam.

Sonntag, 17:30 Uhr, am Platz mit den Säulen. Die ersten Fitnessbegeisterten sind schon da, entsprechend gekleidet. Wir kommen in Shorts, T-Shirt und immerhin Turnschuhen. Es sind am Ende über 50 ältere, junge, beleibte, superschlanke, Fitnesstrainerinnen, Hausfrauen, Rentnerinnen und Rentner, die loslaufen bzw. -gehen. Und das ist wenig. Beim großen Walkevent Mitte August kamen über 2500 Walkerinnen und Walker aus der ganzen Gegend.

Die Verwaltung von Roccella ist sehr rührig, sie organisiert nicht nur das Jazzfestival, sondern auch Sportveranstaltungen. Und das bekommt nicht nur dem Körper, sondern offensichtlich auch der Gemeinschaft der Dörfer untereinander sehr gut.

Wir starten unter der Regie von Fausto. Fausto, ein durchtrainierter Endfünfzigjähriger, cooles Haarband, Ray-Ban-Sonnenbrille. Eine wichtige Person, in zahlreichen Vereinen tätig, raunt Carla mir zu – kann ich mir vorstellen. Macht ihn mir nicht sympathischer.

Aber er macht seine Sache wirklich gut. Wir starten und schnell trennt sich die Spreu vom Weizen. Nach zwei Kilometern geht es unerbittlich den Berg hoch –ziemlich hoch und das ziemlich lange.

Es zeigt sich, wie erstaunlich trainiert die meisten sind. Die Spitze schickt Fausto mit einem Trillerpfeifen auf eine Extrarunde und sammelt so die langsamsten wieder ein. Niemand hat das Gefühl, zurückzubleiben.

Wir laufen durch eine wunderschöne, einsame Landschaft, die wir ohne den Lauf nie gesehen hätten. Es lohnt jeden Schritt. Und das bei 30 Grad.

Nach zweieinhalb Stunden traben wir wieder in Roccella ein. Alle haben durchgehalten! Wir sind total groggy und spüren unsere Beine kaum noch.

Und belohnen uns mit Spaghetti in unserem Lieblingsristorante. Über 1000 Kalorien haben wir laut Carlas Fitnessbarometer verbrannt, dann können wir ja wieder zuschlagen.

 

 

 

 

 

 

 

Giorgio

…überraschte mich, als ich die deutsche Insel-Ausgabe der „Ilias“ – ich hatte sie in Griechenland auf den Peleponnes lesen wollen, aber es war mir zu mühselig…- in die Bibliothek zum Tauschen brachte, damit, dass er sie auf altgriechisch gelesen hat! In der Schule. Humanistische Bildung. Außerdem spricht er fließend englisch.

Giorgio ist der Manager dieser Marina, jünger als unser Boot, aber voller Enthusiasmus über seine Stadt und sein Land. Wo die Griechen überall waren! Was wir an Relikten sehen können! Die Museen, wir müssen die Museen anschauen! Das Jazzfestival organisiert er auch mit.

Für die Marina hat Giorgio ebenfalls große Pläne – Internet überall! Ein Clubhaus! Mehr Toiletten und Duschen fände ich auch nicht schlecht, die soll es auch geben. Wir drücken ihm die Daumen, dass es klappt! Und kommen vielleicht doch hierher zurück nächstes Jahr zum Überwintern…

Die „Bar Roma“

…müsste eigentlich „ il Paradiso di Pietro“ heißen – Peter liebt sie! Sie hat die beste Pizza der Stadt, wenn nicht gar Italiens, wenn nicht gar der Welt! Von großen Blechen, pur als Margherita, mit Pilzen, Artischocken, oder aber – von Italienern gern genommen – mit Pommes und „Wurtel“, kann man sie stückweise kaufen – saftig, fettig, gut. Man isst sie aus der Hand, in ein Stück Papier eingeschlagen. Dazu ein Bier oder zwei auf der Piazza – und das Leben ist schön!

 

 

Der Lohn…

…der Mühe wird zunehmend in Naturalien gezahlt. In diesem Falle sind es Rotbarben. Peter hat bei Gewitter und strömendem Regen einem der Fischerboote (nicht unserem Lieblingsfischer allerdings) beim Anlegen geholfen und dafür einen Eimer voller Fische geerntet. Zwei Drittel haben wir verschenkt an Mexikaner, die ihr Boot ins Mittelmeer verlegt haben, weil sie diese Region kulturell viel interessanter finden als die Karibik…, die haben nochmal die Hälfte davon an Clara, die Dame des Reisebüros verschenkt, die wiederum uns sehr dafür gedankt hat, der Rest ist bei uns im Ofen gelandet – auf Zwiebeln, mit Orangen und Rosmarin bedeckt à siehe Foto. War sehr lecker, hat aber nicht ganz an die Gambas unseres Lieblingsfischers herangereicht…oder an den Seeteufel… Wir sind mittlerweile verwöhnt! Unsere Fische haben wir übrigens auch nicht ganz geschafft. Den Rest haben die Katzen bekommen!

PS: Grad war der Fischer da. Peter hat gestrichen-der Fischer war hoch interessiert. Heute nacht gehen sie raus. Und morgen bekommen wir wieder—Fisch!!!

Der Lack ist ab…

…naja, fast. Zum Glück. Wir nutzen die Zeit, in der wir auf die neue Pumpe warten, um am Boot zu arbeiten. Endlich, endlich das Holz neu zu streichen, das ist seit Jahren fällig und sieht auch so aus.  Meine Schuld. In jeder Bucht, in der Peter seine Schleifmaschine zücken wollte, habe ich gejammert: zu laut. Viel zu schön hier! In jedem Hafen wollte ich lieber in die Stadt und Lack auf-, statt abtragen…Jetzt gibt es keine Ausreden mehr, wir arbeiten mit Stecheisen, Schleifpapier und Schleifmaschine und haben immer noch nicht gestrichen. Morgen – bestimmt!

Die Pumpe

Das ist sie. Lang erwartet, heiß ersehnt, unsere Ersatzpumpe. Es ist die falsche. Drei Experten haben unabhängig voneinander bestimmt, dass sie nicht zu unserem Motor passt, zwei – darunter Bosch Deutschland und der Verkäufer -, dass sie paßt. Wir haben uns für die Demokratie entschieden…und sehen auch, dass die Anschlüsse nicht ganz stimmen. Frust.

Parallel aber haben die Mechaniker hier eine in Holland gefunden, die ganz bestimmt identisch sei! Sie wird Montag losgeschickt und soll Freitag eingebaut werden, dann können wir los. Wenn’s denn wahr ist…

Solange machen wir das Beste draus – uns birra bei Yolanda beispielsweise…oder zwei…oder….