Kunscht

San Juan, 14.5.2017

Es ist Sonntag, und wir wollen ihn genießen. Und ins Museum gehen! Endlich mal wieder Kultur schnuppern, einen anderen Zugang zu Land und Leuten finden. Über die Kunst!

Das Museum der modernen Kunst, so lesen wir im Internet, hat leider geschlossen. Sehr schade, es muss beachtlich sein.

Dann also das Museum de arte, das Kunstmuseum, , das anscheinend Exponate von den Urzeiten bis heute ausstellt.

Es liegt entgegen der touristischen Altstadt San Juans in Santurce, einem der fast noch spannenderen Stadtteile, in der Avenida Ponce de Leon, einer Kulturmeile. Hier reihen sich Theater, Kino, Museen, Buchläden aneinander, durchbrochen von Gebäuden, die bessere Zeiten gesehen haben.

Einen Bus gibt es hier auch – theoretisch. Wir warten eine Viertelstunde und machen uns dann doch wieder auf die Socken. Es ist heiß, an einer viel befahrenen Strasse entlangzulaufen, ist anstrengend. Kein Bus kommt. Irgendwann, erschöpft, erreichen wir das Museum. Es hat geschlossen. Muttertag! Och nee!

Alltag

San Juan, 13.5.2017

Wir brauchen Gas! Falls wir auf der großen Überfahrt nicht kalt aus der Dose essen und auf Peters selbstgebackenes Brot verzichten wollen, brauchen wir eine neue Gasflasche.

Das ist nun nicht so einfach, da es weltweit verschiedene Gase und verschiedene Verschlusssysteme gibt.

Wir hatten bislang Butangas in der blauen Kartusche. In Europa war die relativ gut wieder zu tauschen und zu füllen, auch auf den französischen Karibikinseln. Hier aber, im Bereich der USA, ist Schluss damit. Hier gibt es Propan. Anderer Druck, andere Brennwerte, andere Verschlüsse.

Woher nur kriegen?

Wir beginnen im Shipchandler der Marina. Der Verkäufer hat kein Gas, ist aber unheimlich freundlich, telefoniert in der Gegend herum, bis er herausgefunden hat, wo wir Gas bekommen – an der Tankstelle. Die ist weit! Ein Mitarbeiter der Marina, der dazu kommt, will uns fahren. Gebt ihm ein paar Dollar, raunt der Verkäufer. Klar, machen wir.

An der Tankstelle stellen wir fest, dass wir nicht wissen, ob die neuen Behälter in unseren Gaskasten passen. Keiner hat einen Zollstock, Pech. Wir verschieben die Entscheidung. Ich will unserem hilfsbereiten Fahrer 10 Dollar zustecken, doch das weist er entschieden von sich. Und das bei der Krise! (siehe „Unruhe…“)

Peter und ich suchen allein weiter. Wie so oft lernen wir die Städte beim Suchen nach Ersatzteilen fürs Boot kennen. Eisenwarenabteilungen, große Supermärkte, Baumärkte.

Fast den ganzen Samstag klappern wir alle möglichen Stationen ab, suchen einen Bus, der uns in entlegenere Stadtteile bringt, fragen uns durch

Immer treffen wir auf große Hilfsbereitschaft. Aber am Ende steht fest: Wir rüsten um. Auf Propan.

Und belohnen uns für diese Entscheidung in einem der schönen Cafés auf der Avenida Ponce de Leon.

Es herrscht Unruhe im Land

San Juan, 12.5.2017

Auf unserem Bummel durch die Stadt treffen wir ein paar Studenten, die protestieren. Uns ist aufgefallen, dass viel Polizei unterwegs ist, dass amerikanische Regierungsgebäude sehr stark geschützt werden, wir haben das auf die übliche Terrorangst zurückgeführt. Doch es hat wohl hausgemachte Gründe.

Puerto Rico ist das Griechenland der Karibik. Puerto Rico hat über 70 Milliarden Dollar Schulden und ist quasi bankrott.

Die Ursachen allerdings sind andere als bei den Griechen und sicher mannigfaltig. (Vorsicht, es folgt ein bisschen Geschichtsunterricht….)

Puerto Rico ist die älteste Kolonie der Welt! Erklärt uns Celia, eine der Protestierenden. In der Tat.

Seit Kolumbus die Insel entdeckte, wurde sie von verschiedenen europäischen Ländern beansprucht, um den Zugang zu Nordamerika zu sichern. Bis die USA 1898 (spanisch-amerikanischer Krieg – schon mal gehört? Wir nicht…) Puerto Rico besetzten.

Heute ist Puerto Rico immer noch quasi eine Kolonie der USA– kein vollwertiges Mitglied. Puerto Ricaner durften keinen Präsidenten wählen, haben keine Stimme im Repräsentantenhaus, müssen aber amerikanischer Rechtssprechung folgen. Sie dürfen nicht, wie andere US-Staaten, Insolvenz anmelden und damit eine Umschuldung vornehmen. Sie dürfen als Satellit der USA keine finanzielle Unterstützung anderer Länder oder Institutionen annehmen. Die USA aber haben politischen Einfluss. Sie empfehlen, Ausgaben zu kürzen.

Die puertoricanische Regierung spart also an Sozialausgaben, Unterstützung von Schulen, Universitäten, Bildung, Gesundheitswesen. Junge Menschen wandern ab. Die Arbeitslosigkeit ist hoch.

Widerstand, so Celia, wird erstickt. „Puerto Rico ist eine Diktatur geworden!“

Von all dem haben wir als Touristen nichts gemerkt. Die Menschen sind sehr freundlich, wir haben uns nie bedroht gefühlt.

Der Tourismus, eine der Einnahmequellen, ist seit der Finanzkrise in den USA zurückgegangen.

Wir können – bis jetzt – Puerto Rico als Ferienziel nur empfehlen. Nicht nur Seglern. Puerto Rico erleben wir als eines der schönsten Länder, die wir bisher besucht haben.

Die Altstadt von San Juan…

12.5.2017,

…ist eine der schönsten, die ich je gesehen habe.

Geschmackvoll restaurierte Kolonialbauten, gepflegte, klassizistische Häuser, wunderbare Architektur, wohin man schaut, Plätze, grün, altes Kopfsteinpflaster…all das strahlt so viel mehr von spanischer Würde aus als von US-amerikanischer Disneyworld.

Puerto Rico aber gehört zu den USA, eine leidvolle Geschichte. (Dazu später mehr.)

Wir bummeln durch die Gassen und können uns nicht sattsehen. Laufen mindestens 10 Kilometer hin- und zurück, am Ende sind wir totmüde, aber es war toll!

Am Morgen danach…

San Juan, 12.5.2017

…sehen wir erst richtig, wo wir gelandet sind. Zwischen Highway und Flugplatz, vor uns ein Anleger für Cruiseships. Oha.

Aber wir bekommen netten Kontakt. Neben uns liegt ein schwedisches Boot mit Magnus und Liv, die helfen uns weiter.

Erstmal machen wir, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Peter, das Boot fit für die Überfahrt. Filter reinigen, Maststufen verbinden, damit die Fallen nicht hängenbleiben…es geht bald los! So viel Zeit für Sightseeing bleibt uns also nicht.

Wie immer checken wir das Wetter: Sonntag oder Montag sieht als Starttag ganz gut aus.

Ich habe, wie immer, Mores (dass ich keine Heldin bin, habt Ihr ja schon gemerkt…), aber ich bin froh, wenn wir die Überfahrt antreten und die Rückpassage irgendwann hinter uns haben.

Und: Ich, nein wir: freuen uns auf Zuhause.

Auf unseren Wald, den Garten, den Wochenmarkt – endlich wieder frischen Salat! Tomaten! Richtiges Brot! Blumen!!!—
Auf unser Haus.
Auf unseren Kater.
Auf das Theater, Kino, Buchläden!
Auf Internet, das funktioniert…

Und vor allem – auf Euch.

San Juan,…

11.5.2017

…die Hauptstadt Puerto Ricos, soll eine schöne alte Stadt sein. Es fällt uns also nicht allzu schwer, dorthin aufzubrechen. Da wollen wir auch noch einmal einkaufen und von dort demnächst starten.

Noch ein nun wirklich letztes Mal schwimmen in der Karibik! Dann legen wir ab.

Kaum Wind, wir motoren also mal wieder, aber auch Sprit soll dort günstig sein…

Für rund 32 Meilen brauchen wir knapp 5 Stunden. Angeblich soll man im Hafenbecken ankern können, es sieht allerdings auf der Karte klein aus, wir rechnen nicht damit.

Zu unserer Verblüffung gibt es reichlich Platz. Das erklärt sich allerdings auch schnell, als selbst beim zweiten Mal der Anker nicht hält. Unser Anker, der uns auf der ganzen Reise noch nie im Stich gelassen hat, rutscht über den Boden wie über Öl.

Jedes Mal, wenn wir den Anker wieder aufholen, hängt ekliger grauer Schlamm dran, wir wollen lieber nicht wissen, was sich darin alles verbirgt.

Also doch in die Marina, 60 Euro pro Nacht? Ein letztes Mal versuchen wir es noch, und siehe da, der Anker hält. Uff.

Mittlerweile ist es dunkel, tiefe Wolken hängen über San Juan, es sieht mal wieder nach Gewitter aus. Und doch hat es hier etwas. Wie immer, wenn wir quasi direkt in einer Stadt ankern, gefallen uns die Lichter der Häuser rundum, das Eingebettetsein in Leben. Es hat etwas Warmes.

Das wollen wir uns aus der Nähe anschauen, steigen ins Dinghi und suchen erstmal eine halbe Stunde, wo wir aussteigen und das Dinghi festmachen können. Anzukommen ist immer spannend, oft aber auch ziemlich nervend, wenn man sich überhaupt nicht auskennt und keine Anhaltspunkte hat.

Wir nehmen die Plattform von Kajakfahrern, die werden wohl nichts dagegen haben. Und versuchen, in die Stadt zu laufen. Hoffnungslos. Weit. Es soll irgendwo einen Bus geben, aber für das Abenteuer ist es uns zu spät. Also unverrichteter Dinge zurück. Und wir schauen von Ferne auf die alten Bauten, um die herum es nette Kneipen geben muss.
Naja, dann eben morgen…

Es reicht…

10.5.2017

…in Fajardo. Oft ergeht es uns ja so, dass wir nach einiger Zeit doch etwas Charmantes an auf den ersten Blick weniger schönen Orten entdecken – das ist hier nicht so. Fajardo ist und bleibt scheußlich, das Wasser eine Brühe, richtig eklig dreckig.

Wir beschließen, doch noch einen Stopp auf der Isla Palominas einzulegen, noch einmal schwimmen zu gehen!

Eine gute Entscheidung. Leider haben sich die Schildkröten verzogen, aber die Pelikane sind da und das Schwimmen und Schnorcheln tut noch einmal richtig gut.

Ein Auto…

Fajardo, 9.5.2017

…braucht man, um hier zurechtzukommen, also mieten wir eins. Mit Vollversicherung, durch Schaden klug geworden, 53 Dollar, nun denn.

Wir wollen einkaufen und den Yunque Nationalpark ansehen, einen Regenwald.

Der Name kommt nicht von ungefähr, es regnet. Bindfäden. Man sieht den Wald vor lauter Tropfen nicht. An Austeigen und wandern ist nicht zu denken, man kann aber mit dem Auto ziemlich weit fahren, um einen Eindruck bekommen – nett. Wohltuend, mal wieder Wald zu atmen. Auch wenn er nicht mit dem in Dominica mithalten kann…

Dann fahren wir einkaufen. Zwei große Supermärkte gibt es, Wal-Mart und den ehemaligen „Pueblo“, der jetzt Ralph’s heißt und ein tolles, auch noch bezahlbares Sortiment anbietet. Fast deutsche Preise! Wir kaufen ein, als gäb’s kein Morgen. Es muss ja auch für sechs Wochen halten – auf die Bermudas, auf den Bermudas (auch da soll es ziemlich teuer sein), von den Bermudas auf die Azoren. Und Segeln und Hungern, das geht gar nicht. Nicht auszudenken, wenn die Nudeln ausgehen würden!

Mittlerweile regnet es Katzen und Hunde. Wir packen den Inhalt des Kofferraums in alle Taschen, die wir haben mitnehmen können, und die auf die Fähre. Auf die wir allerdings über eine Stunde warten müssen, in Regen und Wind, weil der Cäptain seine Pause einlegt…

Von der Fähre dann schleppen wir alles ins Dinghi. Es regnet noch immer, wie es nur in den Tropen regnen kann (jaja, ihr kennt das auch, ich weiß. Und hier ist es zugegebenermaßen wärmer…). Das Dinghi ist schon ziemlich vollgelaufen, als wir einsteigen, wir brausen durch dicke Schauer – es ist, als würden wir schwimmen.

Leider haben auch die Lebensmittel einiges abbekommen, viele Verpackungen sind durchweicht. Also alles abwaschen, trocknen, parken bis zum Verstauen. Es sieht aus wie in einem Warenhaus. Wir sind nass bis auf die Haut.

Aber wir werden nicht verhungern!

Waschtag

Fajardo, 8.5.2017

Große Wäsche ist mal wieder fällig, und die Marina, vor der wir ankern, hat eine Wäscherei. Genauer gesagt, kann man Waschmaschinen und Trockner des Wohnkomplexes, der auf die Insel gebaut ist, mitbenutzen.

Wir packen also Wäsche in Taschen, die und uns ins Dinghi und kutschieren zum Kai.
Es ist Tiefwasser, oh je, die Kaimauer geht mir fast bis an die Schultern, aber irgendwie schaffe ich es doch, heile an Land zu kommen (Leitern und Aussteighilfen sind sehr, sehr selten).

Die nächste Hürde ist der Wachmann. Der Wohnkomplex ist nur mit einer Karte zu betreten, die wir natürlich nicht haben. Wir brauchen den Wachmann, der uns einlässt. Ist er nicht am Platz, warten wir. Unter Umständen länger.

Heute haben wir Glück, er sitzt an seinem Platz und drückt auf den Summer. Na, also.

Leider stellt sich heraus, dass Waschmaschinen und Trockner mit Quaters, 25cent-Stücken, gefüttert werden müssen. Wir waren davon ausgegangen, dass wir Münzen kaufen können.

Jeweils zwei Wäsche-Ladungen brauchen wir zu je 2 Dollar, macht also nicht weniger als 16 Quaters. Die haben wir natürlich auch nicht.

Wir wenden uns wieder an den Wachmann. Nein, so viel Kleingeld hat er leider nicht. Einen Laden, eine Kneipe, in der wir tauschen könnten, gibt es nicht. Der Wachmann bietet uns an, Münzen zu besorgen, wir sollen in eineinhalb Stunden wieder kommen.

Na gut.

Wir nutzen die Zeit, um mit der kleinen Fähre auf die größere Insel zu fahren und ein Auto für morgen zu mieten. Fahren wieder mit der Fähre zurück.

In der Tat, der Wachmann hat die Quaters besorgen können. Sehr nett.

Wir stopfen die Wäsche in die Maschinen. Und warten. Leider zeigen die Maschinen nicht an, wie lange sie brauchen, wir können die Zeit also nicht recht nutzen. Und warten.

Um 16 Uhr sind wir wieder auf dem Boot. Fast einen Tag haben wir gebraucht, nur um Wäsche waschen zu können…

Und dann können wir uns noch nicht einmal mit gutem Essen belohnen. Wir haben nichts Frisches mehr an Bord. Die Marina wirbt damit, einen kleinen Supermarkt zu haben – geprahlt. Dort gibt es eine kleine Ecke mit Dosen, kein Brot, kein noch so kleines frisches Stängelchen Gemüse. Nichts. Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Also mal wieder – Spaghetti mit Tomatensoße…

Fajardo

7.5.2017

Ein letzter Blick mit Tränen in den Augen auf das wunderbare Wasser, auf das Riff.
Kein Schwimmen mehr vor dem Frühstück, kein Schnorcheln, kein Kokosnussklauen mehr, keine Pelikane, Schildkröten! Es wird uns so fehlen!

Aber es hilft ja nichts, wir müssen weiter.

Erstmal nach Fajardo. Da soll es gute Supermärkte geben, um sich noch mal mit Schäkeln und allem für das Boot einzudecken, Supermärkte, um Lebensmittel zu bunkern.

Die Hochhäuser sieht man von Ferne. Naja, dann gehen wir dort halt Eis essen und an der Hafenpromenade bummeln. Ist ja auch ganz nett. Trösten wir uns.

Wir werfen den Anker vor der Isleta Marina, die ziemlich heruntergekommen aussieht, uns aber auch nichts kostet, nehmen eine kleine Fähre, um in die Stadt zu fahren, und stehen vor – Parkplätzen. Vielen Parkplätzen. Einem für die Motorboote, die die Isla Palominas bevölkert haben. Einem wie Fort Knox gesicherten Fähranleger. Ein paar desolate Häuser. Mehr gibt es hier nicht. Pure Einöde. So schlimm hat es noch nirgends auf unserer Reise ausgesehen.

Wir fragen eine Bewohnerin, wo es denn ins Zentrum der Stadt ginge. Stadt? Wundert sie sich. Ach so, wir meinten Dorf. Tja. Das ist weit weg. Wir könnten mit ihrer Nichte fahren. Aber zurück…Gibt es denn keine Busse?, frage ich. Sie lächelt mich mitleidig an. Am Sonntag? Aber da links entlang kann man eine Kleinigkeit essen und trinken, sehr nett sei es dort.

Wir folgen dem Ratschlag, es ist ein Schnellimbiss, nach alten Fett riechend, aber der Hunger bringt uns doch dazu, eine mit Käse und Guavenmarmelade gefüllte frittierte Blätterteigtasche zu essen. Gar nicht sooo schlecht. Und das Medallah, das puertoricanische Bier, schmeckt sowieso überall. Trotzdem – wir sind frustriert. Wo sind wir hier gelandet? In absehbarer Entfernung gibt es keine brauchbaren Buchten bis San Juan mehr.

Wir nehmen die Fähre zurück zur Marina und sehen anscheinend so traurig aus, dass ein älteres puertoricanisches Paar uns Bonbons anbietet.

Der Ort ist vielleicht scheußlich. Die Menschen aber, die sind eindeutig sehr freundlich.