Wellen

Die letzte Nacht auf Martinique ist so ruhig wie lange nicht mehr, das lässt uns auf eine ruhige Überfahrt hoffen.

Es kommt, leider, leider, anders. Kaum haben wir die Insel verlassen, bläst uns der Wind mit 30 Knoten ins Gesicht, 4 Meter hohe Wellen gratis dazu – und nicht die schönen langen Atlantikwellen, nein, die kabbeligen, ekeligen, die das Mittelmeer auch so wunderbar fabriziert. Ich kann Peter nicht helfen, steuern geht noch nicht mit der Schulter, winschen gar nicht, auch beim Gehen bin ich ultravorsichtig, weil ich Angst habe, das ich eine Welle just dann erwischt, wenn ich mich nur mit der rechten Hand festhalte. Nicht, dass ich bei Windstärke 8 sonst eine große Hilfe gewesen wäre, aber: Der arme Peter!

Segeln in der Karibik haben wir uns irgendwie anders vorgestellt…

Nach sieben Stunden sind wir dann ziemlich entnervt am Ziel – Dominica. Roseau.

Ankerplätze – gibt es kaum, die Küste fällt sehr schnell sehr steil ab. Moorings gibt es neuerdings, allerdings nur wenige, und di sind schlecht gekennzeichnet. Wir sind also mal wieder auf die Hilfe der  „boatboys“ angewiesen – und auf deren Preise. 20 Dollar will der zahnlose Greg für eine Mooring – gehts noch? Und dann noch am Ende der Welt, 20 Minuten mit dem Dinghi weg von der Stadt. Ich verhandle hin und her, verstehe ihn schlecht, und am Ende gewinnt er – es gibt sonst auch keine Möglichkeit. Wir fühlen uns ausgeliefert und mal wieder übers Ohr gehauen. Und suchen sofort nach einer besseren Mooring.

Zum Beispiel am Marine Center, sehr nah an der Innenstadt, ein sehr nettes Cafe dabei unter Mangroven. Pelikane! Und sogar ein Kätzchen! Perfekt. Leider sind die Moorings alle belegt, am nächsten Morgen aber, fällt der Chefin ein, geht ein Boot. Na prima. Wir reservieren! Sie guckt uns an, als kämen wir vom Mond. Hier nimmt man eine Moorig, wenn sie frei ist, Reservierungen gibts nicht. Ich fühle mich entlarvt als Deutsche, die mit dem Handtuch die Liege vorbelegt.

Am nächsten Morgen also legen wir um 8 Uhr ab, um früh genug da zu sein. Und finden eine Boje (das sind Moorings).

 

 

Moon over St.-Pierres-Street

Die Sonne versinkt an unserem letzten Abend auf Martinique bilderbuchmäßig im Meer, am Strand trainiert ein athletischer Mensch irgendeinen tänzerischen Kampfsport mit langem Stock, es sieht sehr ästhetisch aus. Aus der schönen Holz-Halle dahinter dringt ein Chor, Gottesdienst offensichtlich. Die offizielle Kirche ist wegen Renovierung geschlossen. Der kanadische Katamaran vor uns praktiziert Tai-Chi. Von Ferne kräht ein Hahn. Und dann schwimmt auch noch eine Schuldkröte vorbei. Wir sitzen an Deck, schauen uns das alles an und genießen. Ist das schön hier!

Später fahren wir mit dem Dinghi nochmal in den Ort. Es ist nichts los, fast nichts los.

Vor einer Kneipe hat sich eine Band aufgebaut. Die betagteren Herren spielen fantastisch Schlagzeug, Gitarre, Saxophon, eine Dame – ebenfalls in den besten Jahren – singt und swingt. Die Kneipe tanzt. Man hat wohl schon das ein oder andere Bier intus und den ein oder anderen Joint, die Augen sind jedenfalls gerötet, die Stimmung aber – oder grade deswegen – ist grandios. Als ich uns ein Bier holen will, werde ich gleich mitbetanzt, das ist mir dann doch etwas zu körperlich, und ich, Spaßbremse, verweise auf meinen draußen wartenden Mann. Der Tänzer lässt ab, wir verabschieden uns mit einem Lächeln und respektvoll, alles läuft sehr freundlich ab. Und doch, als Peter später die Flaschen zurückbringt, fühlt er sich gemustert, abgeschätzt und nicht wohl.

Ich dagegen fühle mich nicht recht wohl, als wir auf das Dinghi zurückkehren. In der Nähe des Docks scharen sich Grüppchen Jugendlicher, und Docks sind Fallen. Kein Entkommen, viele Überfälle schon sind dort passiert. Hier passiert nichts, die Jugendlichen haben mit sich selbst genug zu tun. Trotzdem – wie schade, immer auf der Hut sein zu müssen.

Wir gehören nun mal nicht dazu. Kommen aus einer anderen Welt. Und auch wenn man mittrinkt, mitkifft, was viele Touristen ja gern tun, das Gefälle ist enorm und die Kluft kann jederzeit aufbrechen.

Trotzdem war es ein schöner Abend, wir lauschen der Musik noch etwas auf dem Boot und tanzen dort!

 

 

 

St. Pierre

10.2.2017

Endlich kommen wir weiter nach Norden – St. Pierre ist unser Ziel, das ehemalige „Paris“ Martiniques.

St. Piere ist ein kleines Städtchen unterhalb des Mont Peles, des großen Vulkans der Insel. Es ist idyllisch, denkt man sich die Palmen weg, wähnt man sich im Allgäu.

Doch eben diese Lage ist St. Pierre zum Verhängnis geworden. 1902 brach der Vulkan aus uns begrub alle und alles unter der Lava… Nur ein Gefangener überlebte, den die Mauern des Kerkers retteten…

Heute ist vom „Paris des Nordens“ nichts mehr zu spüren. Aber es ist hübsch hier, entspannt, einige schöne Gebäude sind wieder errichtet worden, die Mehrzahl aber ist und bleibt – arm.

60% beträgt die Arbeitslosigkeit auf Martinique. Der Tourismus soll helfen, doch irgendwie ist davon nichts zu spüren…Freitag abend jedenfalls ist nichts los. Wir haben auf live-Musik gehofft, doch das Höchste der Gefühle ist eine Wahlveranstaltung vor leerem Publikum für die „sanfte, ökologische, soziale“ Revolution in Frankreich und eben auch in Martinique. Interessiert hier niemanden. Die Leute, meint Manfred, der die Hälfte des Jahres in St.-Pierre verbringt, bleiben daheim. Kein Geld zum Ausgehen – das kann man verstehen. Die Preise sind ziemlich gesalzen. Wir trinken noch ein Bier in einer wirklich schönen Bar mit schwarz-weiß gefliestem Boden, orangenen Wänden und sehr netter Atmosphäre, von jungen (weißen) Freaks mit Rastalocken geführt – dann zotteln wir wieder aufs Boot.

Viele Segler gibt es hier auch nicht, es ist schwierig, zu ankern, das Ufer fällt sehr schnell sehr stark ab, ein großes Areal ist über Trümmern und Wracks des Vulkanausbruchs gesperrt.

Und dennoch –oder vielleicht gerade deshalb – genießen wir es hier. Es ist so entspannt! Wir schauen den Fischern bei der mühseligen Arbeit, ein Netz heimzubringen, zu. Fregattenvögeln. Dem Leben an Land. Schnorcheln (leider keine Fische, obwohl das Wasser klar ist).

Gehen in der dringend empfohlenen Markthalle essen – und sind enttäuscht. Das war in le Marin deutlich besser. Aber wir haben Feriengefühle. Und ich genieße das erste Mal seit langem wieder, auf dem Boot zu sein. Und freue mich auf die Überfahrt, auf die nächste Insel. Morgen. Dominica.

Bichik von innen

Le Crenage, Le Marin.

Das sind die beiden Besitzer, deren Namen ich leider nicht mal weiß, die aber unheimlich nett sind und diesen ganzen Haufen Alkoholiker und Kiffer und Normales davor mit großer Freundlichkeit ertragen.

Unser Internetcafe!

Damit ist nun leider erstmal Schluss, mal sehen, wann wir wieder WiFi haben…

Abschied vom Bichik

Wir nutzen die Zeit, die Jean Paul dann doch noch mit dem Motor braucht,  zum Großeinkauf beim „Leader price“, einem Lidl-ähnlichen Supermarkt, der relativ günstig ist, und strafen unsere Vorsätze, weniger zu trinken, gleich mal wieder Lügen, denn wir schlagen beim guten Bordeaux zu. Ein toller Wein, günstiger als ein Kilo einheimischer Tomaten.

Und verabschieden uns von der Säuferbretterbude „Bichik“, siehe Foto von außen und

 

Jeden Tag eine gute Tat

St.-Anne, 9.2.2017

Wir genießen das letzte Frühstück in St. Anne mit den besten Croissants, die wir je gegessen haben, und sehen einen armen Menschen im Dinghi vorbeirudern. Er kommt von weit draußen und hat schon eine ziemliche Strecke hinter sich. Messerscharf kombinieren wir: der Außenborder streikt. Tatsächlich ist ihm, erzählt er, der Dieseltank geklaut worden, und nun rudert er an Land, um einen Mechaniker abzuholen, denn ein Motorproblem am großen Boot hat er auch noch. Peter bietet sofort seine Hilfe an und schleppt ihn. Der Mann ist glücklich. (Auf dem Weg zurück stellen wir fest, dass der Mechaniker Jean Paul ist, unser Jean Paul, der auch unseren Motor mit eingebaut hat. Da hat er einen der besten gekriegt!)

Damit nicht genug der guten Taten, kommt das Boot neben uns nicht frei. Der Anker hängt fest. Die drei Frauen, Britinnen, sind zunehmend verzweifelt. Als Peter seine Hilfe anbietet, jedoch sie nicht gleich erfreut, was ich gut verstehen kann. Eine Frauencrew lässt sich nicht gern von einem Mann zeigen, wo’s lang geht! Als ich insistiere und meinem Mann als den Mann für alle Fälle anpreise, nehmen sie seine Hilfe dann doch an. Peter schnorchelt, die Kette hat sich um einen Felsen verhangen. Er dirigiert das Frauenboot, und sehr erleichtert ziehen die Amazonen von dannen.

Nach so vielen guten Taten hätten wir uns ja eigentlich eine Belohnung verdient. Zum Beispiel, dass das Knie, dass noch in den Auspuff eingebaut werden muss, reibungslos und schnell montiert wird, damit wir heute noch nach Trois Ilets kommen. Aber nein, es dauert und dauert.Jean Paul allerdings beeilt sich sehr…mal sehen.

Von mir sind keine guten Taten zu berichten, aber gute Neuigkeiten! ich kann halb ums Boot schwimmen ohne Schmerzen! Dann kann ich bald auch wieder schnorcheln!!!!!

 

St.-Anne

8.2.2017

Das ist nun hoffentlich der letzte Tag in St-Anne, auch wenn es hier ganz nett ist. Wir wollen weiter! Morgen soll unser Knick in der Abluft endlich fertig sein und montiert werden.

Wir bummeln durch das Städtchen und wundern uns, wie ein Tag so schnell vergehen kann. Kein Wunder, dass es Ankerlieger gibt, die hier Monate verbringen. Zack, ist es schon wieder dunkel und der Tag rum.

Peter legt bastelt wieder am Boot – er kann einfach alles. Unvorstellbar, jemanden mit zwei linken Händen hier zu haben. Da müsste man schon Rockefeller sein – oder gibt das Boot auf. Ich hätte mir nie träumen lassen, wieviele Reparaturen immer wieder nötig sind. Eine Dauerbaustelle, seufz.

Ich wiederum, die mit zwei linken Händen und kaputter Schulter, ärgere mich, nicht mehr aus dem Aufenthalt hier gemacht zu haben. Man kann wandern! Hätte ich nur den Segelführer sorgfältig gelesen. In eine wunderschöne bucht, grade um die Ecke. Ach, das hätte ich doch gut machen können, meine Beine funktionieren ja noch. Wieder was gelernt.

Abend fahren wir wieder in den Ort, es gibt Livemusik im Dunette, aber die ist diesmal nicht so prickelnd. Nach einem Bier fahren wir wieder heim. Und verzichten auf den üblichen Absacker. Es summiert sich ganz schön, was wir hier so trinken. Sundowner, Wein zum Essen, Bier in der Kneipe, Rum pur (Ute), Rumpunch (lecker!, Peter) abends – wenigstens ein zwei Mal pro Woche nehmen wir uns vor, kürzer zutreten.

Wieder ein Held

St-Anne, 7.2.2017

Ich wollte eigentlich mal Strandtouristin spielen, mich von Peter ans Ufer schippern lassen – ich hab den Außenbordmotor vom Dinghi schon nicht mit einer gesunden Schulter anbekommen, jetzt erst recht nicht. Und da wir vor Anker liegen, brauchen wir nun mal das Beiboot, um in den Ort zu gelangen, und Peter muss Taxi spielen.

Das Wetter macht mir einen Strich durch die Rechnung. Es ist stürmisch und regnerisch, kein Strandwetter. Also sitze ich im Boot, spiele Solitaire und Doppelkopf mit mir selber auf dem Laptop, während mein Mann mal wieder Heldentaten vollbringt. Er legt alle Luftleitungen vom Wassertank neu! Das ist eine Heidenarbeit und dringend notwendig, wie man unschwer am den Schläuchen entströmenden Duft entnehmen kann. Und ich kann ihm nicht helfen! Jetzt haben wir ein innen fast neues Boot!

Sonntag

St.-Anne, 5.2.2017

Der Sonntag hatte ein richtig entspannter Gammelsonntag werden sollen.

Leider aber hängt das Dinghj am morgen windschief im Wasser, es hat sehr viel Luft verloren. Peter macht sich an Ursachensuche und Flicken, vier winzige Löcher, wahrscheinlich am Dinghjisteg zugezogen. Da liegen um die fünfzig Boote, gut möglich, dass da ein Draht schrabbelt oder am Steg selber rostige Nägel ihr Werk tun.

Und wo Peter das Werkzeug schonmal ausgepackt hat, macht er weiter. Den rechten Dieseltank haben wir nicht füllen können, offensichtlich ist mal wieder eine Leitung verstopft.

Schnell stellt sich heraus, dass es leider nicht die Leitung, sondern die Anschlussstelle am Filter ist. Der wird also ausgebaut. Nach zwei Stunden dreckiger Arbeit ist der Übeltäter gefunden. glibbrige Masse, fieser Schlamm, durch Biodiesel entstanden.

Ich bin konsterniert. Ich hatte gehofft, dass wir nun keine Motorprobleme mehr haben! Das aber kann uns immer wieder ereilen. Auf offenem Meer, in kritischen Situationen – und dann den ganzen Filter ausbauen??? Nicht besonders beruhigend, finde ich. (Peter sieht das ganz anders, es ist doch nur der Zusatztank und auf dem offenen Meer ist es ruhig und kein Problem…)

Diesem Schlamm, der durch Bakterien aus Biodiesel entsteht, kann man eigentlich nur Herr werden, wenn man Biozide als Zusatz zum Diesel verwendet. Das Problem ist so alt, wie Biodiesel verwendet werden muss. Yanmar aber, der Motorhersteller, warnt davor, diese Zusätze zu verwenden und gibt dann auch keine Garantie mehr auf den Motor.

Liebe Lesende!  Segler! Yanmarmotorbesitzer! Wir macht ihr das?

Nach Ende der Arbeiten haben wir dann doch noch einen schönen Abend.Peter geht ins Wasser! das erste Mal seit ca. vier Wochen wieder im Meer baden1 Und ich, als die kabbeligen Wellen sich etwas beruhigen, auch. Und es geht! Mit dem Arm. ein paar Züge zumindest, nicht so gut gegen die Wellen, aber das wird noch. Und vor allem komme ich die Badeleiter wieder hoch! Dann kann ich wieder schnorcheln!!!

Und dann blieben wir auf dem Boot. Zwar lockt Livemusik aus verschiedenen Kneipen, aber wir finden es so gemütlich genug auf dem Schiff. Endlich wieder.

Frei!

Ist das schön, wieder frei auf dem Wasser zu sein! Die carenage, die Werft, verlassen zu können! Auch wenn wir nur eine halbe Stunde fahren. Der Motor läuft wie am Schnürchen,so leise, dass wir uns mit der Geschwindigkeit vertun. Wir werden uns noch ziemlich umstellen müssen – er muss immer mal wieder mit hohe Umdrehungen gefahren werden. Wir sind ja immer nur getuckert, um keine großen Vibrationen zu erzeigen und nichts auszutreten….

St.-Anne ist schön! Voll, voller noch als beim letzten Mal, es liegen sicher mehr Boote vor Anker als der Ort Einwohner hat, aber das Wasser ist klar, wir sind umgeben von grünen Hügeln, hinter uns das offene Meer mit Sonnenuntergang, vor uns karibischer Strand! Sand mit Palmen!!! Der gehört zwar zum Club Med und ist vermutlich für unsereins gesperrt, trotzdem schön.

Die Atmosphäre im Ort  ist nett. Klar, touristisch, aber es sind hübsche kleine Geschäfte und Kneipen, es ist entspannt. Der Fischmarkt schließt, die Jungs dort feiern das ein bisschen, schmeißen Musik an, Reggae, und tanzen, fast alle Touristen bleiben stehen, lächeln,freuen sich über die ausgelassene Stimmung und machen Fotos. Die Lockerheit der jungen Fischer ist offensichtlich höchst attraktiv – warum kriegen wir das nicht hin? Na gut, sie helfen auch immer ein bisschen nach…

Abends werfen wir uns in Schale und Dinghi und fahren ins La Dunette, da soll es Livemusik geben. 10 Euro der Eintritt inklusive einem Getränk, das ist noch drin.

Ein so nettes Lokal! Und vor allem von den Bewohner von St-Anne besucht, wie es scheint. Verschieden Ebenen über das Wasser gebaut, die unterste bietet Holzpaletten mit Polstern – da bleiben wir. Die Musik ist gut, Calypso, Jazz, Pop –  wir werfen Jesuslatschen und Birkenstocks ab und tanzen mit. Eine Freude, den St.-AnnerInnen dabei zuzusehen! Allein das hat den Besuch gelohnt.

Wir halten bis fast Mitternacht aus, das ist für uns sensationell, normalerweise liegen wir um 9 in der Koje. Um 6 wird es hier dunkel…Die Musik begleitet uns noch in den Schlaf. Ein Abend, den man sich für schlechte Tage merken muss. So kann das Leben auch sein!