Nachtrag

31.7.2017

In Vila Real gibt es auch sehr schöne Läden, in denen man so ziemlich alles kriegt. Auch eine Hängematte! Seit Guadaloupe habe ich damit geliebäugelt, aber nicht insistiert, weil ich mir nie hätte träumen lassen, dass Peter sie je benutzt. Großer Irrtum. Tut er. Und wie gern. Jaja, die Reise hat uns verändert…

Leben vom Meer

Vila Real, 31.7.2017

Wir gehen ins Museum, das im Historischen Archiv untergebracht ist. Eine Ausstellung darüber, wovon die Menschen in Vila Real lebten und leben – vom Fischfang und dessen Konservierung. Ein Schwarzweißfilm, vielleicht aus den fünfziger oder sechziger Jahren, zeigt, wie Thunfisch gefangen wurde. Wahrscheinlich hat fast die ganze Stadt mitgeholfen, die Netze zu legen. Das muss sehr solidarisch gewesen sein. Brutal, blutrünstig aber dann der Kampf zwischen Mann und Fisch. Mit Haken wurden die Tiere aus den Netzen an Bord gezogen. Hoffentlich ist das heute etwas humaner…

Die Frauen arbeiteten in der Fabrik, filetierten Thunfisch, Sardinen, dosten es zu, beklebten es mit Etiketten. Die Fischindustrie war offensichtlich die Lebensader.

Wir haben bis jetzt leider nicht herausbekommen können, ob es diese Fischfabriken noch heute gibt – endlos lange Netze entlang der Küste lassen dies eigentlich vermuten. Gesehen haben wir keine. Aber entgegen unserer Abneigung gegen den Thunfischfang in großem Stil und gegen Dosen Thunfischkonserven mitgenommen, hübsch bedruckt. Als Erinnerung…

Vila Real…

31.7.2017

…die letzte portugiesische Stadt am Atlantik, begeistert mich total. An jeder Ecke finde ich etwas neues, interessantes, die Pflastersteinkunst, die Ornamente in den Gehweg baut, die Kacheln, Hauseingänge, die Plätze mit Bäumen und Bänken, Skulpturen! Kultur an jeder Ecke. Viele nette Kneipen.

Peter ist die Stadt zu schachbrettartig. Das stimmt, so ist sie mal nach einem Seebeben 17hundertnochmalwas sehr schnell aus dem Boden gestampft worden. Aber sogar ich finde mich darin gut zurecht.

Der Rio Guadiana…

30.7.2017

….ist die Grenze zwischen Portugal und Spanien. Mehr als 25 Meilen soll man ihn auch flussaufwärts mit dem Segelboot befahren können, eine lohnende Reise, raten uns Barbara und Hageh.

Die Einfahrt ist noch abenteuerlicher als die in die Lagune. Wir laufen bei mittlerem Hochwasser ein, navigieren vorsichtigst, halten den Atem an – nichts passiert.

Zur linken: Villa Real auf der portugiesischen, etwas später danach Ayamonte auf der spanischen Seite. Dann kommt die Brücke über den Fluss. Die könnten wir passieren, meinten Barbara und Hageh – je näher wir kommen, desto mehr zweifeln wir. Drosseln die Geschwindigkeit, so es geht, die Strömung ist stark. Reicht es….?????

Nein.

Einen Meter, bevor der Mast hängen bleibt, reißt Peter das Boot herum und legt den Rückwärtsgang ein. Wir sind froh, so viel PS zu haben!

Schade. So ankern wir vor Ayamonte. Auch das ein Abenteuer – wir berechnen das Niedrigwasser, hoffen, die Entfernung zum seichten Flussufer reicht, hoffen, dass der Anker hält. Und aktivieren vorsichtshalber nachts den Ankeralarm…

In Olhao…

29.7.2017

…ist Samstags Markt. Wir nehmen die Fähre, die demnächst auseinanderzufallen droht, und bummeln.

Der Fischmarkt ist gigantisch, wer soll das bloß alles essen?

Obst und Gemüse sehen verlockend aus, kommen aus der Region, nicht aus Treibhäusern, und wandert in unseren Korb.

Deutsche Zeitungen gibt es auch. Ich kaufe endlich mal wieder die „Zeit“, und fühle mich ein Stück dem früheren Alltag in Baden-Baden näher. Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich das mag…

Olhao soll die älteste maurische Stadt in Portugal sein. Wir suchen nach architektonischen Anzeichen, jedoch vergebens. Überhaupt ist es eine Stadt, die erst auf den zweiten Blick gefällt. Nicht herausgeputzt, normal, gelebt. Eine kleine Allee, eine kleine Fußgängerzone, ein paar liebevoll gestaltete Plätze. Wir verbringen doch mehr Zeit dort, als wir wollten, nehmen erst die nächste Fähre zurück – unser ach so frisches Gemüse ist derweil verwelkt!

Heiß ist es, wir erholen uns, wie sich das gehört, am Strand. Diesmal fahren wir mit dem Dinghi nach Farroll, unterhalb des Leuchtturms. Blöderweise vergessen wir unseren Dinghianker, der aber absolut notwendig ist, denn das Meer steigt schnell! Wir fragen Fischer, ob wir bei ihnen festmachen können, ja, aber sicher, kein Problem, wo immer wir wollen. Das ist Portugal, so haben wir es immer wieder erlebt: Sehr freundlich, hilfsbereit, unkompliziert.

Der Strand unterhalb des Leuchtturms ist womöglich noch voller als der vorherige, dennoch: schön. Etwas geschützter, auch er: weiß, pudrig, sauber. Das Meer ein Traum, ich will gar nicht mehr raus, wer weiß, wann wir nochmal im Atlantik baden können.

Wir trösten uns über den Abschied in der nahegelegenen Kneipe, die sich ein exotisches Flair gibt und – Painkiller auf der Karte hat. Peters Leib- und Magengetränk in der Karibik. Er bestellt sofort, die Bedienung kann es gar nicht glauben – den will sonst niemand!
Es dauert dann auch ziemlich lange, bis er serviert wird, und schmeckt…naja. nicht nach Karibik.

Aber die junge Bedienung ist nett, sie studiert, stellt sich heraus, in Zürich Neurowissenschaften! Das müssen wir doch unterstützen, das Trinkgeld fällt etwas üppiger aus.

Viele Portugiesen verlassen ihr Land und suchen anderswo Arbeit. Auf Culatra aber, haben und Barbara und Hageh erzählt, bleiben sie. Werden Fischer oder arbeiten in der Tourismusbranche, die zwar wächst, aber doch nur drei Monate im Jahr Gewinn bringt. Es scheint den Menschen hier zu genügen.

Begegnungen

Auf dem Rückweg treffen wir Barbara und Hageh, ebenfalls Segler, die auf dem und am Wasser leben. Sympathie auf den ersten Blick. Wie so häufig, ist es nicht belangloser Smalltalk, sondern man lernt sich ziemlich schnell näher kennen. Sie würden gern noch ein Stück mit uns segeln, bekommen aber Besuch, aber wir verlieren uns hoffentlich trotzdem nicht aus den Augen.

Es sind auch Begegnungen wie diese, die unsere Reise zu etwas Besonderem machen. Menschen mit anderen Biografien zu treffen, die konsequent sind, ihre Träume leben. Warum gelingt uns das in unserem Alltag daheim nicht? Sind wir dort nicht offen genug?
Haben zu wenig Zeit? Es ist so bereichernd! Wie schade, das nur auf dem Meer zu erleben.

Ponte Cais

28.7.2017

Am nächsten Morgen sehen wir, wie Fischer im seichten Wasser Muschelbänke ernten, andere hüfttief im auflaufenden Atlantik mit Stecken nach anderen Meerestieren suchen.
Stundenlang könnten wir zusehen.

Wir packen unsere Badesachen, klettern ins Dinghi, machen in Ponte Cais fest und laufen durch den Ort auf die offene Atlantikseite. An den Strand. Zusammen mit etlichen Badegästen, die die Fähren von Faro und Olhao ausgepuckt haben. Doch ein paar hundert Meter weiter sind wir fast allein.

Der Sand ist weiß, puderzart und total sauber! Am Eingang des Strandes werden Raucher gebeten, sich dort angebotene Plastikbecher zunehmen und diese wieder voll zurückzubringen und im Mülleimer zu entleeren. Es scheint zu funktionieren, wir sehen keine einzige Kippe. (jaja, ich weiß, klingt nach Spießer…)

Das Meer – nichts für Warmduscher, aber so schön! Klar, weiche Wellen. Ein ganz anderes Gefühl, als vom Boot aus zu schwimmen. Selbst Peter, dem das Herumliegen an Sandstränden ein Greuel sind, findet es nicht so schlecht. Jedenfalls mal eine halbe Stunde lang…

Marsch, Marsch!

Ilha da Culatra,

28.7.2017

Hätte uns ein Schweizer Skipper nicht den Tipp gegeben, wir wären an der Ria Formosa glatt vorbeigesegelt. Zu unscheinbar sieht die Lagune auf der Karte aus, zu klein scheinen ihre Einfahrten. Sie sind aber groß genug, um flache Stellen zu passieren, gut betonnt – und dann werfen wir Anker mitten in einem wunderschönen Naturschutzgebiet. Vor uns die Ilha da Culatra, hinter uns die Städte Faro und Olhao.
Dazwischen: Muschelbänke, Fischernetze. Marschlandschaft.

Hier muss man mit den Tiden leben, genau wissen, wann das Wasser wir hoch bzw. niedrig ist, sonst fällt man trocken.

Vor uns Ponte Cais, ein kleiner Ort. Eine Handvoll Häuser. Einst illegal errichtet, wie wir später erfahren, mittlerweile geduldet, selbstverwaltet, sogar einen Kindergarten, eine Grundschule, kleine Supermärkte gibt es hier. Keine Straßen, sondern Traktoren, keine Gehwege, sondern Holzplatten für Fußgänger. Sonst: Sand. Und ein paar Kneipen. Wir landen im „Jacintos“, Plastiktische und -stühle, die linke Hälfte Restaurant, die rechte Kneipe. An der Theke, wettergegerbte Gesichter, Bartstoppeln, schon leicht von dem ein oder anderen einen Sagres zu viel gerötete Augen, Fischer, die mit ihren schwieligen Pranken das Fleisch aus kleinsten Schnecken pulen, Cacras aus ihrem Gehäuse holen, Austern zu ihrem Bier genießen. Andere spielen Billiard, darüber läuft der Fernseher: Frauenfußball.

Hier fühlen wir uns wohl und zu gern würde ich ein Foto dieses Ensembles machen, aber ich traue mich dann doch nicht, diese Normalität zu zerstören.

Viel schöner als ich beschreibt das Leben in und um Culatra Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt in „Lost in Fuseta“. Ein passabler Krimi, vor allem aber eine Liebeserklärung an die Region. Doch Vorsicht: Wer ihn gelesen hat, bucht sofort einen Flug nach Faro!

Küstenfahrt

27.7.2017

Die Küste der Algarve ist schön, lange Sandstrände, dazwischen außergewöhnliche Felsformationen, aber auch sehr zersiedelt mit Feriensiedlungen und Hochhäusern.

Nur etwas mehr als 20 Meilen sind es zu unserem nächsten Ziel, wir tuckern, da wenig Wind. Ich genieße es. Wie entspannend ist es doch, Land in der Nähe zu haben, Mechaniker, Ärzte, falls etwas ist. Obwohl – eigentlich ist ja nun alles in Ordnung!

Kaum gedacht, bittet Peter mich, das Steuer zu übernehmen. Der Autopilot steigt aus! Oh nein. Ist er nun ganz hin? Oder nur das geflickte Drahtseil? Ich schlage vor, gleich umzudrehen, gerade mal 13 Meilen sind es bis zur Marina in Lagos, die einen sehr guten Ruf genießt. Mein Mann schaut mich fast beleidigt an. Erst mal schaut er danach! Schnappt sich Hammer und Stirnlampe und verschwindet in den Tiefen des Bootes.

Diesmal, verkündet er kurz darauf, ist es leider mehr als das Drahtseil, das Zahnrad der Steuerkette ist abgesprungen. Na prima. Also doch Marina. Wenn uns das mitten auf dem Atlantik passiert wär! Handsteuern, tagelang…ein Albtraum!

Aber der Käpt’n gibt nicht auf.

Eine Viertelstunde später: Entwarnung. Es hatte sich nur eine Schraube losgedreht, die er fix wieder angeschraubt hat.

So gesehen, hätte uns das auch auf dem Atlantik nichts anhaben können…

Lagos, neuer Versuch

Aus dem Stadtbummel wird dann leider nichts. Peter muss noch den Dieselfilter reinigen, und das dauert erheblich länger als gedacht – wie immer. Dann ist es halb sechs, das Museum, das ich gern besichtigt hätte, hat wieder geschlossen. Schade.

Zumindest die Felsküste aber westlich der Stadt wollen wir uns nochmal näher anschauen. Das Dinghi mit dem neuen Motor macht’s möglich, einige Meilen weit zu brettern. Wir finden uns in Grotten, Höhlen, zwischen Felsskulpturen wieder. Atemberaubend.

Dann gibt’s Abendessen auf dem Boot, Pellkartoffeln und Kräuterjoghurt. Und wir geraten bei diesem schlichten Mahl fast in Ekstase. Nein, wir haben nicht zu viel Sonne getankt. Wir haben nur so lange guten Naturjoghurt entbehrt…

Dazu geht die Sonne unter über Lagos. Es ist traumhaft. Und so bleiben wir dann lieber auf dem Boot, als in die Stadt zu fahren. Können uns nicht sattsehen, als der Mond aufsteigt, die Lichter der Stadt leuchten. Lagos muss leider auf ein nächstes Mal warten.