Das Plastikmeer von Almeria – 2 –

Die Region bemüht sich um Aufklärung und darum, das Image zu verbessern.

Jeden Freitag wird deshalb eine Führung durch eines der Gewächshäuser angeboten. Wir sind mit unseren Bootsnachbarn dabei. Und was wir dort erfahren, ist beeindruckend.

Lola erzählt. Ihr Vater hat eines der ersten Gewächshäuser in den 50er Jahren aufgebaut. Überhaupt gehören die Grünzellen nicht, wie ich erwartet hatte, Großgrundbesitzern, sondern Familien, Kleinbauern. 15.000 Pflanzer haben je etwa 1,2 bis 4 Hektar Land. Es reicht zum Leben – und zum Aufstieg. Lola musste noch die Hauptschulausbildung abbrechen, weil sie im Gewächshaus gebraucht wurde. Ihre Söhne aber studieren – Agrarwissenschaften.

Umgeben ist jede Parzelle von Plastikfolien. Gegen den Wind, der hier sehr regelmäßig und stark bläst. Weiß gekalkt, gegen die Sonne, die hier sehr regelmäßig und stark scheint. Je nach Intensität wird der Kalk wieder abgewaschen, wieder aufgetragen. Moderne Gewächshäuser verfügen über automatische Fensteröffnungen bei zu viel Hitze, andere müssen die Folien per Hand auf- und abrollen. Das ist viel Arbeit und verlangt Wissen. Schon sind wir dem Plastikmeer nicht mehr ganz so abgeneigt.

Und der Umweltschutz? Diese Monokulturen brauchen doch Chemie! Da, erläutert Lola überzeugend, hat sich sehr viel geändert.

Ihre Pflanzen werden auf Kokossubstrat gesetzt, dass komplett kompostierbar ist.

Das Plastikmeer von Almeria – 1 –

25.8.2017

Plastik, wohin das Auge sieht. 35.000 Quadratkilometer mit Gewächshäusern, die aus Plastikwänden gebaut sind. Almeria ist die Gemüsekammer Europas. Von hier kommen Tomaten, Paprika, Gurken, Melonen in deutschen Supermärkten. Unser Gemüse im Winter. Günstig.

Dass das nicht nur Naturschützer, sondern auch Verbraucher kritisch sehen, liegt auf der Hand. Schön sieht es nicht aus, der Landschaftsverbrauch ist hoch, der von Pestiziden, Insektiziden, Wasser vermutlich auch.

Die Region bemüht sich um Aufklärung und darum, das Image zu verbessern.

…ist noch lange nicht das Ende!

23.8.2017

Christa ist, als sie unseren letzten Blogeintrag gelesen hat, fast sauer. Wie, das Ende? Ihr habt doch uns getroffen! Reklamiert sie.

Zu Recht. Mit ihr und Hartmut verbringen wir viele sehr lebendige Abende. Freuen uns mit Christa, wenn einer ihrer Schützlinge Asyl bekommen hat, politisieren, erinnern uns…Brokdorf! Joschka! Weißt du noch, damals…Sie kommen aus der linken Szene. Rentner!

Das bei einer cana, einem frischgezapften Bier, und tapas, diesen wunderbaren kleinen Gerichte, die umsonst zu einem Getränk gereicht werden.

Sind die spanischen Kneipen voll, ziehen wir in eine Bar, die einem Engländer gehört, in der aber Deutsche bedienen.

Man spricht deutsch. Und ehrlich gesagt, ist das ziemlich entspannend.

Neben uns liegt eine deutsche, sehr nette Familie, Moritz,Gudrun mit Luzie und Paula, umtüddelt werden wir bei technischen Problemen am Boot von Udo und Alexandra, die den Trans-Ocean-Stützpunkt in Almerimar leiten, auch Deutsche.

Mehr und mehr fühle ich mich als eine der deutschen Rentner in Spanien. Rundum sorglos.

Keine 10 Minuten entfernt Mercadona, ein riesiger Supermarkt mit einem Angebot, das keine Wünsche offen lässt – ganz frisches Obst und Gemüse aus den umliegenden Treibhäusern, von denen noch zu berichten sein wird, Brötchen, die fast wie daheim schmecken. So gut haben wir lange, lange nicht gegessen.

Rechts und links Strand, keine Quallen.

Ein Yoga-Zentrum direkt vor unserem Boot! Und ich übe wirklich um 7 Uhr morgens den Sonnengruß am Strand…

Jetzt haben wir auch noch Fahrräder, gebraucht und günstig erstanden. Unser Radius erweitert sich. Wir fühlen uns fast wie Zuhause.

Uns geht es richtig gut.
(Foto folgt)

Das Ende

17.8.2017

Da liegt sie, unsere Hugin III. Puerto del Almerimar, Platz 200, erstes Hafenbecken. 11.461 Meilen nach unserem Start in Marmaris am 11.7. letzten Jahres. Man sieht ihr die Strapazen schon an. Rost, starker Bewuchs am Rumpf, etwas angegammelt. Aber was hat sie alles ausgehalten! Und nichts ist Boot, Rigg und Segeln passiert. Ich bin so stolz auf unsere alte Lady!

Hier sind wir am Ende unserer Reise angekommen. Anders, als geplant.

Eigentlich wollten wir ja nach Cartagena, unser Boot im Winter dort lassen. Aber wir haben technische Probleme, die schleunigst behoben werden müssen. Hier gibt es gute Handwerker und andere Vorteile. Und es gefällt uns ganz gut.

Wir ändern unseren Plan. Wir entscheiden uns, nicht weiter nach Cartagena zu fahren, sondern hier zu bleiben.

Und so endet unsere Atlantiküberquerung ganz und gar unspektakulär. Kein letztes Einlaufen in einen Hafen, kein letztes Festmachen, kein Triumphgefühl: Wir haben’s geschafft! Kein wehmütiges: So, das war’s. Es läppert einfach so aus. Und das ist ein sehr komisches und gar nicht gutes Gefühl.

Wir wollten feiern, wenn wir am letzten Hafen ankommen. Danach ist uns nun gar nicht mehr.

Wir fühlen uns leer und fallen regelrecht in ein Loch. Peter befürchtet, keine Herausforderungen mehr zu haben.

Oh doch, mein lieber Mann. Der Plotter, der streikt, muss ausgebaut, eine überflüssige Klampe ausgebaut, das Cockpit gestrichen werden undundund. Das Leben auf dem Boot geht weiter. Und wir werden Spanien entdecken. Auf dem Landweg eben, per Bus oder pedes. Aber irgendetwas…fehlt eben…

Almerimar

16.8.2017

Wir motoren, weiter an endlosen Gewächshaussiedlungen vorbei. Almerimar hatte uns ein österreichischer Segler empfohlen, wir wollen mal einen Blick werfen, die Stadt selbst, so unser Törnführer, soll nicht schön sein.

Da finden wir nun gar nicht.

Sicher, es ist eine Retortensiedlung, in den 70er Jahren rund um die Marina entstanden, aber sie ist architektonisch ganz gut gemacht, keine Scheußlichkeiten wie anderswo gesehen. Und es gibt jede Menge Kneipen und kleiner Läden, Leben. Spanisches Leben.

Wir bleiben erstmal ein paar Tage. Der Wind soll am Wochenende zunehmen und aus Nordost, also gegen uns, kommen. Das wettern wir lieber hier ab. Christa und Hartmut, die wir in der Marina del Este kennengelernt hatten, sind auch hier. Und dann ziehen wir nächste Woche weiter nach Cartagena, unserem Endhafen.

Vor Adra…

15.8.2017

..wollen wir noch einmal ankern, denn danach sieht es mit Ankerplätzen schlecht aus. Noch einmal baden, ungeachtet der letzten Erfahrungen.

In Adra waren wir auch auf der Hintour, und gerade, dass es eine völlig untouristische Stadt ist, hatte uns so gut gefallen.

An den Schwell kann ich mich allerdings nicht erinnern…es schaukelt ordentlich.

Wir fahren mit dem Dinghi in den Hafen, um einen Abendbummel durch das Städtchen zu machen. Aber wo festmachen? Bei den Fischern? Wir versuchen es. Ein grimmig ausschauender beobachtet uns, ich frage höflich an, ob wir hier bleiben können. Das ist privat, ist die barsche Antwort. Nur für eine, eineinhalb Stunden? Das ist privat! Dackelblick. Na gut, ausnahmsweise. Für eineinhalb Stunden. Und er dreht sich um und geht weg. Ach, Portugal…

Das beeinträchtigt unseren Bummel ein wenig. Ich will nicht später zum Dinghi zurück als versprochen. Ich habe von Seglern gehört, die ihr Gummiboot für teuer Geld bei der Polizei auslösen mussten, weil diese es als angeblich herrenloses konfisziert hatten…

Das Bier an der Hafenpromenade ist dann doch nett. Ob uns als Einheimische in Baden-Baden Touristen auch so neugierig beobachten wie wir die Spanier hier…????

Das Mittelmeer

14.8.2017

Hatten wir uns je danach gesehnt???? Das muss in einem anderen Leben gewesen sein. Entlang der spanischen Küste jedenfalls ist es scheußlich. Das Wasser dreckig, verseucht vom Düngen der Tomaten unter den Millionen von Gewächshäusern, die die Küste säumen und jegliche Natur versauen. Das ist der Preis für die billigen Tomaten im Winter…

Plastik noch dazu in Massen, Quallen! Nicht die hübschen, wenn auch noch giftigeren portugiesischen Galeeren, sondern Medusen. Schöner Name, fiese Tiere.

Wir stoppen in der Marina del Este. Ich habe morgens angerufen und versucht, auf spanisch, zu reservieren. Die Marina ist sehr klein, aber auch sehr fein. Die Antwort klang positiv. Nun bedauert der Marinero. Kein Platz. Ich wusste es, mein Spanisch…Ich versuch’s noch ein Mal. Ich hatte doch morgens angerufen…??? Ah ja? Er blättert. Alles klar. Wir bekommen einen Platz. Er strahlt. Ich auch.

Wie angenehm ist es dort! Und dann lernen wir auch noch Christa und Hartmut kennen, sehr nett. Die Wellenlänge stimmt, wir verabreden uns auf einen Wein am Strand.

Uns sehen uns künftig hoffentlich öfter. Die beiden bleiben auch im Mittelmeer.

Am Morgen gehen wir noch schwimmen in der Bucht nebenan. Die ist leider durchsetzt von unsichtbaren großen Steinen. Hohe Wellen. Ich fürchte um meine Zehen, ein gebrochener reicht mir.

Peter erwischt eine Qualle, diese fiese Medusa. Also, das Mittelmeer meint es nicht so gut mit uns….

Neue Winschen

12.8.2017

Sie stehen einfach so rum beim Shipchandler in Benalmmadena. Selbstholende Winschen für die Fock. Gebraucht, aber gut erhalten.

Lange haben wir sie uns gewünscht, ja, herbeigesehnt. Bei selbstholenden Winschen klemmt man die Schot in eine Führung ein, so dass es automatisch weitergedreht wird. Bis jetzt mussten wir ja kurbeln und gleichzeitig das Seil führen. Ich zumindest bin da bei Starkwind vollkommen an meine Grenzen geraten.

Das hat nun ein Ende! Der Preis – ein echtes Schnäppchen. Grandios.

Der kleine Haken: Natürlich müssen die neuen Superteile noch eingebaut werden und natürlich geht das nicht, wie Peter zuversichtlich meint, mal so eben. Das Foto zeigt Peter beim Schraubenkopfabfeilen. Je Winsch 6 (sechs) Schrauben…

Granada

12.8.2017

Beflügelt von den Erlebnissen in Màlaga und den guten Buserfahrungen wagen wir uns weiter. Nach Granada, der Hauptstadt Andalusiens, nochmal zwei Busstunden von Màlaga entfernt. Dort steht die Alhambra, einst maurischer Palast und Festung. Ein wunderschöner Bau, noch schönere Gärten. Ich hatte sie vor langer Zeit einmal besucht und war so beeindruckt und begeistert, dass ich sie Peter unbedingt zeigen möchte.

Wir fahren mittags, schließlich haben wir dazu gelernt. In der Mittagshitze eine Stadt zu besuchen, ist vollkommener Unsinn. Wir sitzen im Bus, klimatisiert! Denken wir.

Das haben mit uns zig andere Touristen gedacht. Der Bus von Benalmàdena nach Màlaga, wo wir umsteigen müssen, ist so voll, dass er ordentlich Verspätung hat.

Den Bus nach Granada sehen wir grade noch von hinten.

Nicht weiter schlimm, es gibt genug Cafés in der Nähe.

Eine Stunde später als geplant also fahren wir nach Granada. Müssen dort noch einmal umsteigen, um in die Innenstadt zu kommen. Zur Alhambra? Nochmal umsteigen, den kleinen Bus nehmen. Es wird jetzt doch etwas mühselig…

Ein Flugblatt, an die Mauer neben der Haltestelle geklebt, informiert uns, dass die Gewerkschaft der Busfahrer nicht schläft. Die Fahrer streiken! Und zwar genau auf unserer Linie, der zur Alhambra. Es gibt Ersatzverkehr, aber der rollt spärlich.

Eine halbe Stunde später rollen wir mit. Eingequetscht wie die Sardinen bei gefühlt immer noch 40 Grad.

Da – die Alhambra! Tickets! Tickets? Ich kann mich nicht erinnern, damals eines gebraucht zu haben, aber egal, stellen wir uns halt an. Braten in der Sonne. Der Zugang zum Schalter wird versperrt. Nach einer halben Stunde habe ich die Nase voll und werde unhöflich, weil laut. Es gibt kaum noch Wartende vor den Schaltern, also bitte!

Der Mensch, der den Besucherstrom, versucht zu regeln, dreht sich um.

Ausverkauft. Die Alhambra ist ausverkauft.

Uns fällt die Kinnlade herunter. Das hätte er uns ja auch früher sagen können. Außerdem: Wie geht das denn? Man muss doch durch die Gärten laufen können, das wird reglementiert? Anscheinend. Später lesen wir, dass es ratsam sei, Tickets Monate im Voraus zu buchen. Und dass es frei zugängliche Teile der Alhambra gibt, doch die sind uns leider nicht als Alternative empfohlen worden.

Wir dackeln geknickt zurück in die Stadt. Die uns bei weitem nicht so gut gefällt wie Màlaga. Es ist rummelig, viele Touristenshops, die den immer gleichen Ramsch verkaufen. Normale Läden haben an einem Samstagnachmittag geschlossen, viele Urlaub. Aber wir müssen ausharren. Erst um 21 Uhr geht der Bus, für den wir Ticket und Platzreservierungen haben.

Gegen 23 Uhr sind wir wieder in Màlaga und wollen uns für den nicht so ganz gelungenen Tag mit einem entspannten Wein in der schönen Altstadt belohnen.

Doch auch hier werden wir enttäuscht. Màlaga feiert – und Hunderttausende feiern mit, überfluten die Straßen, mehr oder weniger alkoholisiert. Vom Charme, der uns am Tag vorher noch gefangengenommen hatte, ist nicht viel übrig.

Wir finden dann doch noch eine etwas ruhigere Kneipe, bevor uns zu unserem Bus aufmachen. Und stehen wieder vor einer nicht enden wollenden Schlange. Drei Fahrgäste vor uns schliesst der Fahrer wegen Überfüllung die Türen.

Zum Glück fahren die Busse häufig und zwanzig Minuten später ergattern wir dann im nächsten einen Platz in der ersten Reihe. Sehen zu, wie sich da Schauspiel wiederholt, verzweifelte Fahrgäste betteln, noch mitgenommen zu werden. Mit gehöriger Verspätung ruckelt der Bus ab.

Um zwei endlich kommen wir wieder auf dem Boot an. Und können nur sagen: Außer Busfahren heute leider nicht viel gewesen…

(Fotos gibt’s leider auch keine, Fotoapparat vergessen…)

Màlaga

11.8.2017

Ach, Màlaga. Was für eine schöne Stadt.

Für etwas mehr als einen Euro nehmen wir den Bus von Belmàdena in die zweitgrößte Stadt Andalusiens, etwa 25 Kilometer entfernt.

Und kommen in eine Oase. Gärten, Parks, Alleen, von Zitrusbäumen gesäumte Straßen. Wunderschöne alte Häuser, dazwischen: viel moderne Kunst. Es ist grandios.

Wir ächzen in der Mittagshitze (das fällt auch nur Touristen und Deutschen ein) auf’s Castillo – und werden dort mit einem wunderbaren Blick belohnt.

Zurück geht es deutlich einfacher und schneller. Wir stromern durch die Gassen und landen eher zufällig vor dem Picasso Museum.

Picasso wurde in Màlaga geboren! Wusste ich Banausin mal wieder nicht. Und hat verfügt, dass Teile seiner Werke in seiner Geburtsstadt posthum ausgestellt werden.

Die Ausstellung ist nicht groß, aber exemplarisch, und wohltuend ist, dass es per Kopfhörer auf deutsch Erklärungen dazu gibt – aber auch nur an ausgewählten Beispielen.

Bereichert und wie aus einer anderen Welt kommend, fahren wir zurück nach Benalmàdena.

Wie trivial, wie absurd, wie vollkommen überflüssig wirkt dagegen diese Retortenstadt mit ihrem Rummel, ihren 08/15 Restaurants und Fressbuden.

Wir flüchten aufs Boot. Da kriegt man davon nichts mit.