Ich sitze in einer Eisdiele in Reggio/Calabria vor dem besten bacio-Eis, das ich je gegessen habe, und heule. Ich habe Heimweh. Ich, 55 Jahre alt, weitgereist, gern gereist, bislang durchaus als Weltenbummlerin zu bezeichnen – ich heule wie eine 5jährige. Weil ich Freunde, Familie, Zuhause, Kater fürchterlich vermisse. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Peter auch nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass unser Zeit auf dem Wasser bisher nicht gerade einfach war, weit mehr ein Aushalten als Genießen.
Vielleicht liegt es daran, dass Roccella, der Ort, an dem wir gestrandet sind, alles andere als schön ist. Wir haben ihm nicht nur den zweiten, sondern den vierten, fünften, zehnten Blick gegönnt und wirklich nicht Charmantes finden können. Kantige, braune, graue Häuser, oft gar nicht verputzt, alles schreit nach Armut. Keine Gärten, keine kleinen Ecken, die liebevoll gestaltet sind, keine begrünten Balkone – hier haben Menschen keine Kraft, keine Lust mehr, nach der Arbeit ihr Heim zu verschönern, hier geht es nur ums Überleben. Zumal Wasser für Pflanzen sicher rar , wenn überhaupt vorhanden ist. Kalabrien ist trocken. Und die ärmste Ecke Italiens, vergessen vom reichen Norden. Kein Ort, um sich wohl zu fühlen. Wir radeln auf unseren klapprigen Rädern nur hin, um der Marina ab und an zu entfliehen.
Die Marina ist nett, freundlich, sauber. Klein. Das Cafe, ein möglicher Rückzugsort und der einzige Platz mit Internetverbindung, spielt grauenhafte Musik. Abba- Remix, Weihnachtsmusik! durchsetzt von schreiender Werbung. Schwer auszuhalten. Sobald wir das Internet gecheckt haben, fliehen wir auch da. Aufs Boot.
Unser Boot liegt am äußersten Ende der Marina. Neben den Fischerbooten, getrennt von einem Maschendrahtzaun. Nicht neben kleinen hübschen Booten, die morgens vom Fang zurück tuckern, sondern neben Trawlern, mittelgroßen Schiffen, die mit Schleppnetzen alles vom Boden holen, was sich nicht retten kann. Aber nicht nur, dass wir also neben einem riesigen Fischfriedhof liegen – die Fische werden ab Boot kistenweise verkauft. Der Generator läuft, der Motor läuft, Autos kommen und gehen – die halbe Nacht, in gleißendes Neonlicht getaucht. Es ist nicht friedlich, es ist nicht romantisch. Es zerrt an den Nerven.
Und unser Boot, unsere Hugin, unser zweites Zuhause? Dauerbaustelle. Die Bodenbretter aufgestellt, alle Tische mit Werkzeug belegt, Dieselgeruch, nichts Anheimelndes. Aber auch gar nichts. Heiß ist es noch dazu. Und kein Wind.
Daheem kennst’ liegen – pflegte ein Mannheimer Kollege in solchen Situationen zu seufzen. Genau. Mit dem Kater auf dem Bauch Zeitung lesen, meiner Mutter beim Umzug helfen, Luzie im Garten, es mit Freunden nett haben…
Jetzt aber genug des Selbstmitleids. Mein armer Peter weiß gar nicht, wie er mich trösten soll und ist kreuzunglücklich. Vielleicht fliege ich doch zwischendurch mal nach Hause. Um aufzutanken, Freunde in den Arm zu nehmen, den Kater zu kraulen. Und dann wieder zurück zu Boot und Peter. Weil – aufgeben will ich unser Projekt ja denn doch nicht…


Liebe Ute,
eben durch den August gelesen, bei Euch ist was los! Die große Freiheit, hat offensichtlich auch mit viel Arbeit zu tun. Heimweh ist bei Euren vielen Erlebnissen erlaubt.
Jannis muss aus seiner neuen Wohnung wegen Schimmel aus ziehen. Inzwischen wohnt er im Hotel, er hat sich sehr über Deine Postkarte gefreut.
Liebe Grüße aus Lichtental