7.6., 4. Tag
32 Grad 48 N, 55 Grad 27 W, 116 sm
Unsere Strategie scheint sich zu bewähren. Der Wind kommt aus SW, wir segeln bei 120 Grad Raumschotkurs, und das ist der Kurs, den die Hugin liebt. Und wir mit ihr. Kein Schaukeln, keine große Schräglage, trotzdem wir bei 13 Koten Wind fast 6 Knoten Geschwindigkeit. So könnte es bleiben!
Zwei Stunden lang. Dann dreht der Wind unerbittlich auf W. Wir bekommen ihn genau von hinten. Und das heißt wieder: Schaukeln. Von einem Bug auf den anderen. Bei jedem schritt festhalten, akrobatisches Kochen, unmögliches Schlafen in der Koje, weil man von einer Seite auf die andere rollt. Am angenehmsten ist das noch im Cockpit, mit einem Arm eingehakt, ist das Schlafen auf der Sitzbank komfortabler als unter Deck.
Aber es ist kalt. Und vor allem feucht. Im Boot haben wir eine Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent. Alle Kissen sind nass, klamm, die Klamotten fangen an zu muffeln. Ist Segeln schön!
8.6.2017, 5. Tag
32 Grad 27 N, 53 Grad 12 W, 126 sm
Der Wind hat zugelegt. 29 Knoten hat die Wetterwelt versprochen, und das hält er auch ein. 5-7 Beaufort. Da er von hinten kommt, ist das nicht so schlimm, aber das Frühstück wird zu einer Lachnummer und Geduldsprobe. Kaffee eingießen – geht gar nicht, der wird glatt vom Wind aus der Tasse gefegt. Die Brote wandern selbstständig vom Teller. Das heißt, einer von uns hält sie fest, während der andere Marmeladenglas etc. öffnet, die Brote bestreicht, dann müssen sie wieder gehalten werden, bis das Glas geschlossen und rutschfest in der Ecke der Bank verstaut wird. Segeln ist absolute Teamarbeit!
Immerhin lässt sich die Sonne blicken, und es wird so warm, dass wir unsere Kissen trocknen und uns selbst sogar duschen können. Auf dem Heck, im Sitzen. Unter uns rollen die Wellen hindurch, 2-3 Meter hoch. Duschen mit Ausblick sozusagen. Hat nicht jeder!
Das Boot rollt so stark, dass unsere üblichen Zeitvertreibe anstrengend werden. Lesen macht keinen richtigen Spaß. Für Solitaire und Doppelkopf auf dem Tabletreicht es so grade…
Außerdem müssen wir reparieren. Die Steuerbordlampe ist ausgefallen, und das geht gar nicht. Für Nichtsegler: Jedes Boot hat ab einer gewissen Größe Lichter zu führen, rot links, grün rechts, weiß hinten, damit andere Boote es auch in der Nacht erkennen und die Position zuordnen können. Fällt eines der Lichter aus, ist es wie ein Einäugiger im Straßenverkehr – gefährlich.
Peter hangelt sich also nach vorn, um die Lampe abzuschrauben, und kommt entgeistert wieder. Lampe nebst Fassung in der Hand. Eine Schraube der Fassung ist weggerostet, das Kabel hält nicht mehr. Das ist besonders ärgerlich, als die Lämpchen letztes Jahr in der Türkei erneuert und auf LED umgestellt wurden, und diese Schlamper haben weder die Fassung miterneuert, noch das Ganze abgedichtet. Nun kommt ungehindert bei jeder Welle Meerwasser an Leitungen und Kontakte, was das bedeutet, kann sich jeder vorstellen.
Wir machen uns ans Reparieren. Natürlich haben wir einen Lötkolben an Bord, der mit 12 Volt-Strom arbeitet (ähm, ich wusste bis dato gar nicht, dass es so etwas gibt…).
Das ist Zen: Einswerden mit Lötkolben, Lötzinn und Kabel bei dem Wellengang…
Zwei Stunden später haben wir wieder grünes Licht.
So geht der Tag schnell rum, und wir gewöhnen uns fast wieder an das Geeiere. Immerhin kommen wir so schneller an. Denken wir.
Da schläft der Wind ein. Und dreht. Und dreht. Und dreht. Bis er aus Osten kommt. Genau gegen uns.
Na super. Am-Wind-Kurs, und das noch nicht einmal zielgenau, wir müssen nach Süden abdriften.
Wir setzen alles an Segeln, was wir haben, sogar den Besan. Und dümpeln dennoch nur mit 2,5, Knoten vorwärts. Wir müssen eine sehr starke Strömung gegen uns haben.
Abends bekommen wir Besuch. Auf dem Plotter, dem Bildschirm also am Kartentisch, erscheint ein Boot. Ein Segelboot. Die „let’sgo“, die wir aus Bermuda kennen. Neuseeländer. Was für eine nette Überraschung!Sie passieren uns in 12 sm Entfernung, aber es reicht zum Funken. Sie haben Bermuda Montag, zwei Tage nach uns also, verlassen und guten Wind gehabt. Das Tief ist wohl doch nicht so tief gekommen. Frohgemut ziehen sie an uns vorbei.
Irgendetwas machen wir falsch…
9.6., 6. Tag, 104 sm
Morgens sind wir wie gerädert. Die Nacht war anstrengend, das Schlagen der Wellen gegen den Bug heftig. Noch dazu hat es geregnet, an Schlafen auf Deck war also auch nicht zu denken. Unter Deck sowieso nicht.
Das Frühstück findet unter Bedingungen wie s.o. statt…
Und dann…klart es auf. Blauer Himmel! Sonne! Es wird warm!
Das Barometer steigt. Und unsere Stimmung auch. Umso mehr, als der neue Wetterbericht kommt und uns eine klitzekleine Möglichkeit zeigt, in den Wind zu kommen, der uns genau auf die Azoren führt. (Basti, was meinst Du…????)
Wir genießen den Tag. Machen auch nur 3,5 Knoten im Schnitt, heute ist uns das egal. Das Wasser ist nicht mehr grau, sondern strahlend blau. Wir schaukeln leicht unter der Sonne, nachts kommt der Mond heraus – Vollmond.
Zum größten Glück fehlen nur noch die Delphine oder Wale…aber wir wollen nicht unbescheiden sein. Aber die kleinen wunderhübschen kleinen Quallen begleiten uns weiterhin – portugiesische Galeeren, denen wir im Wasser bestimmt nicht begegnen wollen, ganze Strände werden gesperrt, wenn sie in Massen kommen.
Ich lese „Der alte Mann und das Meer“, endlich. Wo, wenn nicht hier….
In dem Moment, wo ich das schreibe, ruft Peter von oben. Delphine! Eine kleine, vierköpfige Familie. Nun ist das Glück vollkommen.
