Isla Palominos

Puerto Rico, 5./6.5.2017

Morgens wachen wir auf und sind nicht geklaut worden. Das Dinghi auch nicht und auch nicht die Geldbörse des Käpt’ns auf dem Schreibtisch (so etwas hat es tatsächlich schon gegeben).

Ein letztes Mal spazieren, pardon schnorcheln wir noch über den Korallenwald, lassen uns treiben, schauen den Pflanzen, den Fischen zu, dann legen wir ab. Das Wetter verheißt möglicherweise in einer Woche ein Fenster, in dem wir uns gen Norden bewegen können. Das ist nicht mehr lange…

Also weiter, nicht bleiben. Wir gehen zur Isla Palominos. Dort residiert ein Luxushotel, aber es gibt etwas weiter weg von der Haute Volaute Bojen und Ankerplätze. Wir erwischen eine Mooring – für den Tagesgebrauch nur! – in Nähe von Felsen. Das verheisst schönes Schnorcheln. Pelikane und eine Schildkröte gibt es schon mal – viel mehr brauchen wir nicht, um glücklich zu sein…

Ich rufe sofort „Customs and Migration“ an, eingedenk des schneienden Tonfalls der Offizierin in Culebra, es drohe uns eine 10.000-Dollar-Strafe, falls wir uns nicht sofort melden, sobald wir einen anderen Distrikt betreten! Sie wollen wissen, wo wir sind!
Zum Glück erreiche ich nur den Anrufbeantworter, rapportiere alles schnell – hätte ich alle Daten einem Beamten diktieren müssen, wären wir allein von den Telefonkosten arm geworden…

Noch ist es ruhig auf der Isla Palominos.

Aber die Insel ist das Wochenendziel vieler Puerto Ricaner. Dann donnern sie von der nur 3 Meilen entfernten Hauptinsel Puerto Ricos mit Motorbooten an den Strand.

Sehr beliebt ist es anscheinend, ein Badebecken, sei es in Flamingo-oder Einhorngestalt, mit einem lauten Kompressor aufzupumpen, sich darin mit einem Fläschchen Bier niederzulassen und bei lauter Musik treiben zu lassen. Kein Reggae – Salsa! Dazu gurken Wasserskiboote umher, die Gefahr lauert hier eindeutig eher über als unter Wasser.

Dennoch – es ist kein Naturschutzgebiet, und von daher finde ich das Treiben sehr amüsant.

Die Fische scheinen eh taub zu sein. Sie lassen sich nicht stören. Nur die Schildkröten, die tauchen ab.

Cayo de Luis Pena

Puerto Rico, 4.5.2017,

…liegt westlich von Culebra und ist noch kleiner als Culebrita. Ein Klecks von Inselchen mit dennoch auf der Karte ausgewiesenem Ankerplatz.

Eine Mooring. Auch nur als Tagesboje gedacht, aber das schreckt uns ja nun nicht mehr.

Und hier ist es nun wirklich unglaublich schön.

Auch ein Naturschutzgebiet, unbewohnt, umgeben von Korallen. Direkt unter unserem Boot beginnt der Unterwasserwald, nein – Park! Sich wiegende Fächerkorallen, zauberhaft. Kaum Fische, das aber stört mich aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen nicht weiter…

Die sehen wir wieder vom Boot aus. Rochen, die sich in die Luft werfen. Aus der sicheren Entfernung höchst faszinierend. Schildkröten, die nach Luft schnappen und erschrocken abtauchen, als sie uns erblicken.

Offensichtlich sind sie nicht an Besucher gewöhnt. Wir sind das einzige Boot. Totale Einsamkeit. Und nur Natur…

Das sind wir gar nicht mehr gewöhnt. In weiter Ferne die Lichter der Insel Vieques, daneben, mehr als 40 Kilometer entfernt, die von Puerto Rico. Rings um uns ist es menschenleer. Das haben wir uns immer gewünscht, nun ist es uns nicht so ganz geheuer. Puerto Rico gilt als sehr sicheres Segelrevier, aber wer weiss…

Ich lasse mir den Abend doch nicht von blöden Ängsten verderben! Beschließe ich und verstecke mein Laptop mit allen Fotos…

Dann bricht die Nacht ein. Die Vögel zwitschern hier auch in der Dunkelheit. Sterne kommen zum Vorschein.

Hinter uns: Das Kreuz des Südens.

Wir sind wie verzaubert.

Culebrita

Puerto Rico, 3.5.2017

…heißt die kleine Schwester von Culebra, und sie soll noch schöner sein. Das älteste Naturschutzgebiet der USA, 1909 von Teddy Roosevelt gegründet.

Culebrita ist schön, keine Frage. Höchstens 2,5 Kilometer lang, keine Ortschaft, keine Kneipe, nur Natur. Sandstrand, Palmen, Bilderbuchkaribik. Allerdings kein Ankern möglich – Moorings. Dagegen habe ich in Naturschutzgebieten ja bekanntlich gar nichts, aber die Bojen warnen: Nur Tagesankerplatz. Oh, das hat uns niemand verraten. Müssen wir abends wieder weg? Wohin? Culebra ist über 7 Meilen entfernt….

Dänen, die neben uns liegen, raten zu Gelassenheit. Sie sind schon ein paar Tage da, niemand hat gefragt. Wir sind halt doch sehr deutsch…Also bleiben auch wir.

In der Bahia de Tortuga. Die Schildkröten, nach denen sie ihren Namen hat, lassen sich allerdings kaum blicken. Wie schade, sind wir doch hauptsächlich ihretwegen gekommen.

Dann müssen wir eben unter Wasser nach ihnen suchen. Peter schnorchelt schonmal vor, mir kommt nach wenigen Zügen ein Rochen mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Ich trete sofort den Rückzug an.

Peter schimpft mich einen Angsthasen und ich verspreche, mich beim nächsten Schnorchelgang nicht mehr so ins Boxhorn jagen zu lassen, sondern tapfer weiter zu schwimmen.

Tue ich. Bis wir über einen riesigen Rochen kommen mit einer Spannbreite von vielleicht 1,50 Metern. Der liegt zwar friedlich auf dem Boden, trotzdem ist mein Fluchtreflex stärker als alle guten Vorsätze. Ich biege sofort ab. Sehe dabei immerhin eine Schildkröte! Riesig auch sie, bestimmt die Urmutter aller Schildkröten in der Bucht.
Och, da will ich mal lieber nicht stören! Ich gehe zurück an Bord. Peter versteht die Welt nicht mehr. Bleibt seinerseits fasziniert an der Bordwand – ein Hai unter uns. Niedlich, so 80 Zentimeter groß.

Tja, wir wollten Natur – nun haben wir sie!

Flamenco Beach…

Culebra, 2.5.2017

…gehört angeblich zu einem der allerschönsten Strände der Welt.

Also steigen wir in den öffentlichen Bus und lassen uns dorthin kutschieren.

Er ist wirklich schön. Glasklares Wasser, langer, weißer Sandstrand. Leider….sehr hohe Wellen, die rote Badeflagge ist gehisst.

Wir gehen trotzdem ins Wasser, schnorcheln aber ist nicht ergiebig. Schade, schade.

Es sind die letzten Gelegenheiten. Überhaupt drehen sich auch Gespräche mit anderen Seglern fast ausschließlich um: Wann geht ihr? Wohin? Erst Bermudas? Oder gleich Azoren? Woher bekommt ihr das Wetter?

Einige, die wir getroffen haben, warten in St. Marten darauf, endlich loszukommen. Nicht die schlechteste Option, sind doch französische Supermärkte dort…

Wir decken uns nochmal hier mit Lebensmitteln ein und hoffen auf San Juan, der Hauptstadt Puerto Ricos.

Von da wollen wir starten. Wann…? Das weiß der Wettergott!

Nochmal Glück

Culebra, 30.4.2017

Neben uns ankern Heike und Pit mit ihrer „Karina“. Wir hatten uns auf Barbuda getroffen und schon da nett gefunden, aber wieder aus den Augen verloren. Jetzt also sind sie da. So ein Zufall/Schicksal? Nach Puerto Rico kommen nicht viele Segler.

Wir begießem unser Wiedersehen bei einer…na klar, Happy Hour!

Culebra

Puerto Rico, 30.4.2017

…heißt die puertoricainsche Insel, die wir anfahren, und von der ich nie vorher gehört hatte. Soll hübsch da sein.

Grün ist sie! Satt. Hügelig, bebaut mit kleinen, bunten Häuschen, wie zufällig hingewürfelt. Hat eindeutig schon lateinamerikanischen Charme.

Wir ankern in einer großen Binnenbucht, Ensenada Honda, keine Bojen, keine Kontrollen, auch das überhaupt kein Problem.

Am nächsten Tag entscheiden wir nach Gesprächen mit anderen Seglern, uns doch anzumelden und einzuklarieren. Eigentlich aber sind wir ja nur von den USA in die USA gesegelt…

Beim Einklarieren, Anmelden also, hört der lateinamerikanische sympathische Schlendrian allerdings schnell auf. Barsch werden wir aufgeklärt, dass wir uns immer – Immer! – anzumelden hätten. Auch wenn wir von einem Distrikt in den nächsten segeln!

Ich muss am Telefon einem strengen Officer alle Daten herunterbeten, die Peter grade in ein Formular für die hiesige Behörde einträgt. Datenübertragung funktioniert hier offenbar nicht, noch nicht einmal per Fax. So rüde sind wir auf der ganzen Reise noch nicht behandelt worden.

Wir kommen mit einer Verwarnung davon…Glück gehabt!

Byebye…

St. Thomas, 30.4.2017

…Virgin Islands. Schön war es hier. Eine tolle Landschaft, vor allem unter Wasser, sehr freundliche Menschen (über Wasser…). Wir bereuen nicht, uns ein Visum besorgt zu haben. Die US Virgin Islands sind absolut einen Besuch und alle Anstrengungen wert.

Aber das Wetter ist immer noch schlecht, an Land können wir nichts unternehmen, da können wir uns genauso gut in Schlechtwetterkleidung einpacken und weiterfahren.
Nach Puerto Rico.

Das Ausklarieren ist so einfach und unkompliziert wie das Einklarieren, nicht schwieriger, als eine Busfahrkarte abgestempelt zu bekommen. Mit einem Lächeln werden wir verabschiedet.

Das Wetter…

in Charlotte Amalie, St. Thomas, am 29.4.2017,

…ist einfach nur mies. Regen ohne Unterlass. Wie schade. Ich würde so gern die Stadt erkunden, die dänischen Stiegen, Gässchen, den historischen Rundgang ablaufen, aber so macht das keinen Spaß.

Ein regenfreies Fenster nutzen wir, um unsere Vorräte noch einmal aufzustocken, probieren erst den „K-Mart“, einen Discounter, der aber nicht günstiger ist als „Pueblo“, und langen dann dort noch einmal zu, damit es uns auf der Überfahrt nicht an Nudeln und Tomatensoße mangelt!

Gönnen uns ein wahrscheinlich vorerst letztes belgisches Hefeweizenbier und einen letzten Painkiller während der Happy Hour und vergammeln den Abend auf der Hugin.

Gegen 22 Uhr kommt Bewegung in andere Boote. Die Coastguard rast mit Blaulicht vorbei, Segler legen ab. Ein ungutes Gefühl beschleicht uns, wir fühlen uns an den missglückten Putsch in der Türkei erinnert. Haben wir die Warnung vor einer drohenden Katastrophe, einem Tsunami, Sturm, verpasst? Wir schalten Kanal 16 ein, dort nuschelt nur eine gelangweilte Frauenstimme etwas von Vorsicht vor einem treibenden Boot – das klingt nicht wirklich bedrohlich. Wir bleiben trotzdem angespannt.

Dann – ein lauter Knall.

Ein Feuerwerk! Es wird von einem Motorboot abgeschossen, das die Coastguard sichert.

Fast eine halbe Stunde folgt ein funkelnder Regen auf den anderen. Wie schön! Und wir – sitzen in der ersten Reihe!

Das Vergnügen…

Charlotte Amalie, St. Thomas, 28.4.2017

…sich in den Karneval zu stürzen, entpuppt sich als ein zweifelhaftes. Die Musik ist mehr Krach als Genuss, es ist voll, kein Durchkommen – wir beschliessen, uns lieber eine Kneipe zu suchen.

Eine, die „live-Musik“ ankündigt, haben wir auf dem Weg gesehen. Unscheinbar sieht sie aus, unbelebt, keine Ton dringt nach außen. Skeptisch erklimmen wir die Treppen, öffnen vorsichtig die Tür:

Jazz. Vom Feinsten.

Eine schwarze Combo spielt, vor einer mit Silhouetten von Musikern der 30er Jahre bemalten Wand. Man könnte meinen, in einem New Yorker Jazzkeller zu sein und Billie Holiday auf der Bühne erwarten.

Das Publikum – erlesen. Mittel-, Oberschicht, schön angezogen. Ein Augenschmauss. Distinguiert, aber begeistert. Wir sind, neben den Bedienungen, die einzigen Weissen.

Und dem Besitzer. Ein Pole. Der beehrt uns nach Ende des Konzertes, es ist die Hausband, erklärt er, die hier jeden Freitag spielt. Paul McCartney war schon zu Besuch, raunt er uns zu, Tiger Wood, Michael Jackson. Oha. Wir würden auch ohne Prominenz immer wieder kommen – schlicht wegen der Musik!