Wiedersehen

Portsmouth, 18.2.2017

Wir steigen gerade in das Kanu, das uns durch den Indianriver gefahren hat, als jemand „Ute“ ruft. Ich schaue mich verblüfft um. Mich, im Dschungel? Es ist eine bildhübsche Frau. Ich kann sie nicht einordnen. „Koza“ hilft sie mir auf die Sprünge. Ebru! Ebru und Nuri von der Koza, die türkischen Segler, die wir in Roccella, Kalabrien, und dann wieder in Le Marin auf Martinique getroffen hatten. Das gibt’s ja nicht! Wie schön! Leider muss Ebru ihrer Herde an Land folgen und wir unserer ins Kanu. Wir verabreden uns, abends auf Kanal 16 zu funken.

Wir wollen abends gern nochmal an Land, Musik in der Stadt genießen, aber Nuri ist krank und sie sind müde und fühlen sich nicht gesellschaftsfähig. Wie schade. Wir wollen am nächsten Tag frühmorgens ablegen, damit wir noch eine Boje vor der guadaloupischen Insel Les Saints ergattern. Die sind begehrt…

Aber wir werden mailen, versprechen wir uns.

Peter und ich also ziehen in die Stadt. Wir sind erschüttert. In der Markthalle schlafen Frauen erschöpft über ihren Ständen. Und auch sonst pulsiert der Ort nicht gerade durch Leichtigkeit. Wir fühlen uns wie Besucher im Zoo und ziehen uns schleunigst zurück.

Dann eben die Kneipe am Strand. Da ist Halligalli, eine Bank neben einem Paar ist noch frei. „Ute?“ fragt die Frau, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie heißt Sandy. Und ist sozusagen Ebrus ghostwriterin. Sie und Patrick segeln mit der Koza schon eine ganze Weile, und da Ebru nicht so ganz flüssig im Englischen ist, hilft Sandra, Britin, in Genf lebend, ihr beim Verfassen der Emails. Und weiß so über uns eine ganze Menge!

Da die Musik ohrenbetäubend ist, laden wir die beiden auf unser Boot ein auf ein Glas. Es werden zwei und mehr, erst nach Mitternacht gehen sie von Bord. Große Sympathie auf den ersten Blick. Sandra überredet uns, doch noch eine Nacht zu bleiben. Am nächsten Tag ist eine große Abschiedsparty für die Segler und wir können die „Koza“ nochmal treffen. Nur zu gern!

 

 

Portsmouth

Dominica, 16./17.2.2017

Wir gehen weiter Richtung Norden. In Portsmouth ist eine Woche Yachten gewidmet, Moorings, also Bojen,  gibt es umsonst und es soll ein tolles Beiprogramm geboten werden, Rumpunch inklusive.

Die Moorings sind natürlich schon alle weg, wir stoßen auf ein riesiges Bootsfeld, von mindestens 100 Schiffen. Karibik – einsam? Oh nein.

Na gut, dann ankern wir eben, kein Problem. Das Beiprogramm ist leider schon abgespult worden, Rumpunch kriegen wir auch nicht. Aber Tipps, wo wir mit dem Dinghi an Land gehen können. Am örtlichen Steg. Bloss bitte nicht abschließen, damit die Fischer bei Bedarf das Boot zur Seite schieben können.

Wie bitte – nicht abschließen? Oberster Grundsatz seit Grenada: NIE!!! das Dingi unabgeschlossen lassen! Mit Kette! Motor extra sichern! Nachts aufs Boot holen!

Das alles gilt hier nicht. Hier passt eine Organisation von boatboys auf, dass Segelboote und Dinghis nichts passiert. Und wir fühlen uns – wie auch schon in Roseau – sicher. Wenn euch jemand was klaut, prahlt einer der boatboys, wird er uns kennenlernen! Das glaube ich ihm sogar.

Ihnen ist klar, dass die Segler eine gute und regelmäßige Einnahme sind. Und sie werden alles dafür tun, dass das so bleibt. Ach, könnten das andere Inseln nur auch schaffen…

Die Stadt ist so friedlich, Hühner laufen mitten auf der Strasse! Auch das Einkaufen auf dem Markt ist wieder so angenehm wie in Roseau, freundlich, hilfsbereit, unaggressiv, unaufdringlich. British-freundlich: yes, darling, of course, my dear…

Nachmittags machen wir eine Tour auf dem Indianriver durch den Dschungel. Zauberhaft, die Wurzeln der Bäume, die Spiegelungen. Unglaublich, welche Kunstwerke die Natur hervorbringt.

Wir sind begeistert, leider politisiert unser Bootsführer laut und lange, so dass wir die Stille nicht mit Kolibris und Papageien teilen können. Jederzeit wieder – nur lieber mit einem anderen „guide“.

Fotos – nun ja. Mein Talent, Geräte nicht zu laden, hat mal wieder durchgeschlagen…keine Fotos vom Indianriver, leider, leider…

 

 

Bubble bath

Roseau, 15.2.2017

Keine organisierten Tour heute. Wir gehen in die Stadt, Obst einkaufen. Wie angenehm, nicht bedrängt zu werden. Und die Preise sind auch zivil. Zwei Beutel Maracujas (8 Stück) für 5 karibische Dollar, etwa 1,80 Euro. Da kann man nicht meckern.

Und wir kaufen die Flagge von Dominica! Eigentlich müssten wir sie längst auf der rechten Seite des Bootes führen, aber die Originalschiffsflaggen sind irre teuer. Also erwerben wir eine mit Stiel zum Winken, entfernen das Stäbchen, ziehen stattdessen eine Schnur durch – und schon flattert der Papagei, das Wappentier Dominicas, neben unserem Mast!

Dann möchte ich unbedingt zum Champagne Bath. Ich habe es von damals – 2004 – so in Erinnerung, dass unterirdischer Vulkanaktivitäten Luftblasen durch den Sand im Meer blubbern lassen. Damals hatte mir eine ältere Dominikanerin gesagt, sie gehe oft hierher, denn durch das Baden in dem Wasser werde man 100 und älter – und zwar gesund. Na dann!

Peter kommt mit, obwohl er nun für Strandbaden überhaupt nichts übrig hat. Wir nehmen den Bus, kleine VWs wie in Grenada fahren regelmäßig. . Wie immer, ist das Vergnügen pur – Sightseeing und Leutegucken für wenig Geld.

Das Champagne Bath allerdings entpuppt sich als Champagne Reef – 13 Jahre sind eben doch eine lange Zeit. Das heißt, kein Sandstrand, sondern Felsen. Riffe. Zum Schnorcheln ideal.

Zwar habe ich – für alle Fälle -, im Weggehen noch nach meinem uralten, von Tübinger Freunden vor über 20 Jahren geschenkten Schnorchel, zusammengeflickt mit Strappsen, gegriffen. Aber doll ist der nicht mehr, und wir können nicht gemeinsam schnorcheln. Wie schade!!!

Denn die Unterwasserwelt ist grandios. Zwar sind viele Korallen abgestorben, aber wir sehen wunderschöne Fische. Papageienfische! Blaue, bunte…bestimmt 50 Zentimeter lang. Eine Seenadel. Aber auch Fische mit Stacheln. Ich Angsthase bin sowieso unter Wasser immer zwischen Faszination und Furcht hin-und hergerissen – diese Stachelfische und der Hinweis der Kassiererin am Eingang, wir sollten nichts anfassen – Feuerkorallen! lassen mich nach kurzer Zeit wieder an Land gehen. Trotzdem – wer nach Dominica reist: Champagne Reef besuchen! Aber anständige Schnorchel mitnehmen!

Abends gehen wir noch auf ein Glas zu Ken und Marie aus Florida an Bord. Wir haben die Tour gestern gemeinsam gemacht und uns nett gefunden, obwohl wir, wie sich herausstellt, politisch weit auseinanderliegen. Sie sind Trump-Anhänger! Oh my god. Wir lassen die Politik lieber schnell fallen und geben uns Segeltipps. Das vereint….

Johnny Depp – Die Tour – 2-

Aber es  ist, nicht zu glauben, noch zu toppen.

Wir steuern Titou George an – eiskaltes Wasser, steile Schluchten! Aber wir wagen uns in die Fluten (selbst Peter nach einigem Zögern). Schwimmen unter glattgewaschenen Felswänden, die steil nach oben gehen und kaum Licht erblicken lassen, bis uns eine starke Strömung erwischt und in die Grotte zieht. Ein Trichter, Palmen sehen wir schemenhaft oben an einem kleinen Lichtloch, sonst nur Stein und Wasser.

Hier wurde übrigens auch ein Teil von „Fluch der Karibik“ gedreht und sie machen auch ordentlich Werbung, dass Johny Depp hier schon geschwommen ist – das ist mir völlig egal. Es ist auch ohne Johnny Depp einfach – magisch.

Anschließend besichtigen wir noch die Trafalgar falls, auch das ist beeindruckend, aber unschlagbar war das Schwimmen in der Grotte und die Fahrt über die Insel. Gut, dass wir nicht auf eigene Faust einen Mietwagen genommen haben – wir hätten nur einen Bruchteil dessen entdeckt:

Dominica ist ein Stück Paradies!

Wir hatten einen unvergesslichen Tag.

Man braucht übrigens nicht mit dem Segelboot hierher zu kommen.

Es gibt Flüge nach Martinique, von Fort-de-France geht eine Fähre nach Roseau.

Hier gibt es keine 5-Sterne-Hotels, aber Guesthouses, kleine Pensionen, über die ganze Insel verteilt. Wanderwege! Eine traumhafte Natur. Keine weißen Sandstrände, aber kristallklares Wasser. Freundliche, humorvolle Menschen. Also, wenn Ihr mal wieder der Kälte entfliehen wollt…!!!

 

 

Die Tour – 1-

Dominica, 14.2.2017

Um 9 Uhr werden wir von Mr. Bean abgeholt. Er organisiert Touren um die Insel. Diesmal, verspricht er geheimnisvoll, haben wir „Seacat“ persönlich als „guide“, als Reiseleiter also.

„Seacat“ gehören nicht nur einige Bojen, er ist überhaupt ein kleiner Fürst. Kennt hier jeden, sorgt für jeden hier, sagt er selbstbewusst. Und eigentlich wäre er Gouverneur, es ist ihm nur zu viel Arbeit.

Wir haben Glück, ihn als „guide“ zu haben.

Denn Seacat liebt seine Insel. Und er will, dass wir das auch tun. Wir sollen sie richtig kennenlernen. Mit allen fünf Sinnen.

Er kredenzt uns Kokoswasser aus frisch geöffneter Kokosnuss, Maracujas, Tamarinde, Kakao, zerreibt Blätter und hält sie uns unter die Nase: Lorbeer! Grapefruit! Zitronengras! Erklärt uns alles, was am Wegesrande wächst, und das ist viel. Schon von der Fahrt sind wir berauscht.

Dann sind wir dran. Eine Stunde Wanderung um den Fresh Water Lake, unzählige Stufen rauf und runter durch den Dschungel. Wir keuchen, aber es ist schön. Dominica eben mit allen Sinnen erkunden.

 

 

 

 

 

 

 

Die Docs

Dominica, 13.2.2017

Abends gehen wir noch ins „Städtle“, auf ein Bier. Alles zu, alles, was tagsüber einladend gewirkt hatte. Naja, es ist Montag, kein Kreuzschiff zu sehen, und warum auch sollten auch in dem kleinen Ort leere Kneipen winken…

Eine finden wir ein winziges Häuschen, in der oberen Etage gibt es ein Restaurant.

Die kleine Hütte ist halb voll, eine Gruppe von etwa 10 Menschen hat gerade gegessen und ist bester Laune. Skandinavier, vermute ich.  Sie haben alles leergefuttert, für uns gibt es nichts mehr.

Macht nichts. Und dann stellen wir fest, dass es Deutsche sind, junge Mediziner aus allen möglichen Städten, Gießen, Mainz, Hannover, Magdeburg, die sich einen Kurzsegeltrip gegönnt haben , eigentlich aber ein viermonatiges Praktikum im Krankenhaus von Fort-de-France auf Martinique machen. Da war ich mit meinem Arm! Sie sind leider auf anderen Stationen.

Das ist eine Freude! Wir tauschen uns aus über Berufsperspektiven, Studienerfahrungen, Segelerlebnisse…irgendwann müssen sie leider los, wieder auf ihr Boot. So nett! Wer weiß, vielleicht treffen wir uns auf einem Törn wieder. Das wäre schön.

Als sie weg sind, kommen wir mit der Köchin ins Gespräch, die dann doch noch ein kreolisches Hühnchen hervorzaubert. Sie ist total zufrieden mit ihrem Leben. Die Dominikaner, sagt sie, wollen es nicht anders, als es jetzt ist. Zeit haben für Gespräche, sich noch ins Gesicht schauen können. Keinen Flugplatz für mehr Tourismus. Was sie haben, reicht.

Und das merkt man der Insel an. Die Menschen wirken zufrieden. Keine Aggressivität ist spürbar. Dominica ist schwarz. Und selbstbewusst. Freundlich, aber nicht devot. Die Einwohner sind stolz auf ihre eigene Kultur, ein Denkmal in der Innenstadt unweit des Platzes, wo einst Sklaven feil geboten und gekauft wurden, gibt Zeugnis davon. Es mahnt keine Dankbarkeit an dafür, die Freiheit gewonnen zu haben, sondern erinnert daran, was die Sklaven geleistet haben: Sie haben Reichtum überhaupt erst auf die Insel gebracht, sie zu dem gemacht, was sie ist. Und sie können stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln sein und sollen ihre afrikanische Kultur weiter pflegen.

Was mich am meisten fasziniert : Wir sehen fast keinen Jugendlichen, der das Handy vor dem Gesicht hat. Ganz anders als auf allen anderen Inseln. Ist Dominica ein Stück Paradies?

Wir werden es am nächsten Tag sehen, da fahren wir über die Insel.

Underneath the mangrove trees

Roseau, 13.2.2017

Wir klarieren ein, von unserem neuen Liegeplatz aus keine Entfernung mehr. Es geht problemlos, freundlich, und günstig. 10 ECs, das sind 3 Euro. Und ausklarieren können wir auch gleich, d.h. wir müssen nicht mehr „aufs Amt“, bevor wir Dominica verlassen.

Ich bin aufgeregt. Vor 13 Jahren war ich schonmal auf Dominica und wollte gleich dort bleiben, weil es mir so gut gefallen hat. Ob Peter das aber auch findet? Wie hat sich die Stadt entwickelt?

Gut! Nicht weiter heruntergekommen, sondern schöne, gepflegte bunte Häuschen. Karibik mit gutem Gefühl. Peter gefällt es hier bis jetzt am besten in der Karibik. Vielleicht profitiert Roseau von den viele Kreuzfahrtschiffen, die hier anlegen und von Seglern und Rucksacktouristen natürlich mit totaler Verachtung betrachtet werden. Phhh – all inclusive, Massenabfertigung, kein Meeresgefühl…(Ehrlich gesagt, würde ich glatt mal eine Kreuzfahrt machen – was für ein Luxus, das Meer vorbeiziehen zu sehen und total versorgt zu werden. Ohne großes Geschaukel!!! Aber das würde ich Peter nie erzählen…)

Jedenfalls scheint es Roseau gut bekommen zu sein, hoffentlich ist es nicht so wie in Cartagene/Spanien: außen hui (für die Kreuzfahrtschiffsbesucher), innen pfui (weil das Geld nicht reicht und der Rest des Landes vernachlässigt wird). Wir werden es morgen sehen. da unternehmen wir eine Tour ins Landesinnere. Und sehen hoffentlich ein bisschen hinter die Kulissen!

 

 

Wellen

Die letzte Nacht auf Martinique ist so ruhig wie lange nicht mehr, das lässt uns auf eine ruhige Überfahrt hoffen.

Es kommt, leider, leider, anders. Kaum haben wir die Insel verlassen, bläst uns der Wind mit 30 Knoten ins Gesicht, 4 Meter hohe Wellen gratis dazu – und nicht die schönen langen Atlantikwellen, nein, die kabbeligen, ekeligen, die das Mittelmeer auch so wunderbar fabriziert. Ich kann Peter nicht helfen, steuern geht noch nicht mit der Schulter, winschen gar nicht, auch beim Gehen bin ich ultravorsichtig, weil ich Angst habe, das ich eine Welle just dann erwischt, wenn ich mich nur mit der rechten Hand festhalte. Nicht, dass ich bei Windstärke 8 sonst eine große Hilfe gewesen wäre, aber: Der arme Peter!

Segeln in der Karibik haben wir uns irgendwie anders vorgestellt…

Nach sieben Stunden sind wir dann ziemlich entnervt am Ziel – Dominica. Roseau.

Ankerplätze – gibt es kaum, die Küste fällt sehr schnell sehr steil ab. Moorings gibt es neuerdings, allerdings nur wenige, und di sind schlecht gekennzeichnet. Wir sind also mal wieder auf die Hilfe der  „boatboys“ angewiesen – und auf deren Preise. 20 Dollar will der zahnlose Greg für eine Mooring – gehts noch? Und dann noch am Ende der Welt, 20 Minuten mit dem Dinghi weg von der Stadt. Ich verhandle hin und her, verstehe ihn schlecht, und am Ende gewinnt er – es gibt sonst auch keine Möglichkeit. Wir fühlen uns ausgeliefert und mal wieder übers Ohr gehauen. Und suchen sofort nach einer besseren Mooring.

Zum Beispiel am Marine Center, sehr nah an der Innenstadt, ein sehr nettes Cafe dabei unter Mangroven. Pelikane! Und sogar ein Kätzchen! Perfekt. Leider sind die Moorings alle belegt, am nächsten Morgen aber, fällt der Chefin ein, geht ein Boot. Na prima. Wir reservieren! Sie guckt uns an, als kämen wir vom Mond. Hier nimmt man eine Moorig, wenn sie frei ist, Reservierungen gibts nicht. Ich fühle mich entlarvt als Deutsche, die mit dem Handtuch die Liege vorbelegt.

Am nächsten Morgen also legen wir um 8 Uhr ab, um früh genug da zu sein. Und finden eine Boje (das sind Moorings).

 

 

Moon over St.-Pierres-Street

Die Sonne versinkt an unserem letzten Abend auf Martinique bilderbuchmäßig im Meer, am Strand trainiert ein athletischer Mensch irgendeinen tänzerischen Kampfsport mit langem Stock, es sieht sehr ästhetisch aus. Aus der schönen Holz-Halle dahinter dringt ein Chor, Gottesdienst offensichtlich. Die offizielle Kirche ist wegen Renovierung geschlossen. Der kanadische Katamaran vor uns praktiziert Tai-Chi. Von Ferne kräht ein Hahn. Und dann schwimmt auch noch eine Schuldkröte vorbei. Wir sitzen an Deck, schauen uns das alles an und genießen. Ist das schön hier!

Später fahren wir mit dem Dinghi nochmal in den Ort. Es ist nichts los, fast nichts los.

Vor einer Kneipe hat sich eine Band aufgebaut. Die betagteren Herren spielen fantastisch Schlagzeug, Gitarre, Saxophon, eine Dame – ebenfalls in den besten Jahren – singt und swingt. Die Kneipe tanzt. Man hat wohl schon das ein oder andere Bier intus und den ein oder anderen Joint, die Augen sind jedenfalls gerötet, die Stimmung aber – oder grade deswegen – ist grandios. Als ich uns ein Bier holen will, werde ich gleich mitbetanzt, das ist mir dann doch etwas zu körperlich, und ich, Spaßbremse, verweise auf meinen draußen wartenden Mann. Der Tänzer lässt ab, wir verabschieden uns mit einem Lächeln und respektvoll, alles läuft sehr freundlich ab. Und doch, als Peter später die Flaschen zurückbringt, fühlt er sich gemustert, abgeschätzt und nicht wohl.

Ich dagegen fühle mich nicht recht wohl, als wir auf das Dinghi zurückkehren. In der Nähe des Docks scharen sich Grüppchen Jugendlicher, und Docks sind Fallen. Kein Entkommen, viele Überfälle schon sind dort passiert. Hier passiert nichts, die Jugendlichen haben mit sich selbst genug zu tun. Trotzdem – wie schade, immer auf der Hut sein zu müssen.

Wir gehören nun mal nicht dazu. Kommen aus einer anderen Welt. Und auch wenn man mittrinkt, mitkifft, was viele Touristen ja gern tun, das Gefälle ist enorm und die Kluft kann jederzeit aufbrechen.

Trotzdem war es ein schöner Abend, wir lauschen der Musik noch etwas auf dem Boot und tanzen dort!

 

 

 

St. Pierre

10.2.2017

Endlich kommen wir weiter nach Norden – St. Pierre ist unser Ziel, das ehemalige „Paris“ Martiniques.

St. Piere ist ein kleines Städtchen unterhalb des Mont Peles, des großen Vulkans der Insel. Es ist idyllisch, denkt man sich die Palmen weg, wähnt man sich im Allgäu.

Doch eben diese Lage ist St. Pierre zum Verhängnis geworden. 1902 brach der Vulkan aus uns begrub alle und alles unter der Lava… Nur ein Gefangener überlebte, den die Mauern des Kerkers retteten…

Heute ist vom „Paris des Nordens“ nichts mehr zu spüren. Aber es ist hübsch hier, entspannt, einige schöne Gebäude sind wieder errichtet worden, die Mehrzahl aber ist und bleibt – arm.

60% beträgt die Arbeitslosigkeit auf Martinique. Der Tourismus soll helfen, doch irgendwie ist davon nichts zu spüren…Freitag abend jedenfalls ist nichts los. Wir haben auf live-Musik gehofft, doch das Höchste der Gefühle ist eine Wahlveranstaltung vor leerem Publikum für die „sanfte, ökologische, soziale“ Revolution in Frankreich und eben auch in Martinique. Interessiert hier niemanden. Die Leute, meint Manfred, der die Hälfte des Jahres in St.-Pierre verbringt, bleiben daheim. Kein Geld zum Ausgehen – das kann man verstehen. Die Preise sind ziemlich gesalzen. Wir trinken noch ein Bier in einer wirklich schönen Bar mit schwarz-weiß gefliestem Boden, orangenen Wänden und sehr netter Atmosphäre, von jungen (weißen) Freaks mit Rastalocken geführt – dann zotteln wir wieder aufs Boot.

Viele Segler gibt es hier auch nicht, es ist schwierig, zu ankern, das Ufer fällt sehr schnell sehr stark ab, ein großes Areal ist über Trümmern und Wracks des Vulkanausbruchs gesperrt.

Und dennoch –oder vielleicht gerade deshalb – genießen wir es hier. Es ist so entspannt! Wir schauen den Fischern bei der mühseligen Arbeit, ein Netz heimzubringen, zu. Fregattenvögeln. Dem Leben an Land. Schnorcheln (leider keine Fische, obwohl das Wasser klar ist).

Gehen in der dringend empfohlenen Markthalle essen – und sind enttäuscht. Das war in le Marin deutlich besser. Aber wir haben Feriengefühle. Und ich genieße das erste Mal seit langem wieder, auf dem Boot zu sein. Und freue mich auf die Überfahrt, auf die nächste Insel. Morgen. Dominica.