Emergency Room

Hatte ich immer gejammert, ich wollte Land und Leute näher kennenlernen? Das hab ich jetzt davon, denn wo lernt man ein Land besser kennen als im Krankenhaus?

Ich wollte einen großen Schritt vom Boot auf den Steg machen. Und bin am Steg abgerutscht. Hab mich noch an einem Tau festgehalten, weil Handtasche mit Geld und Papieren dabei. Und hing dann wie ein Affe an der Liane zwischen Seil und Wasser…

Affen sind für so was gerüstet. Ich nicht. Meine Schulter tat höllisch weh, mir war ohnmachtsschlecht –kein gutes Zeichen. Also lieber zum Arzt.

Die Ärztin war sehr freundlich und schickte mich zum Röntgen. Möglicherweise wäre die Schulter ausgekugelt und müsste wieder eingerenkt werden. Mir wurde noch schlechter.

Es begann eine Odyssee. Die Röntgenabteilung im Ort hat nachmittags geschlossen.

Ja, klar, das Krankenhaus in Le Marin hat eine, versichert man uns in der Apotheke. Nein, bedauert man dort.

Also auf in die Hauptstadt. Bis zu einer großen Baustelle ist der Weg zum Hospitalgut ausgeschildert. Ab da irren wir eine halbe Stunde umher (zum Glück haben wir einen Mietwagen, wir haben die Jungs zum Flughafen gebracht). Die Zeit läuft, denn Freundin Christine, Ärztin, hat gesagt, wenn, müsse man möglichst schnell einrenken, sonst würde es immer schwieriger. Und schmerzhafter.

Endlich finden wir das Krankenhaus. Irgendwann sogar die Röntgenabteilung. Da schaut man uns erstaunt an. Wir wären doch ein Notfall! Also ab in die Ambulanz. In die wir auch freundlich geleitet werden, das Krankenhaus ist ein Labyrinth.

Wir suchen eine Anmeldung und finden keine. Na gut, die Ärztin hatte auch keine, vielleicht ist das hier so. Wir sitzen und warten und warten. Irgendwann kommt uns das denn doch komisch vor und wir fragen. Nun spricht auf Martinique kaum jemand englisch (wie im übrigen Frankreich), mein Französisch ist zugegebenermaßen auch lausig. So radebrechen wir uns zusammen – wir müssen uns anmelden. Draußen. Endlich einen Schritt weiter.

Pass? Personalausweis? Hab ich nicht dabei. Nach langen Diskussionen nimmt man trotzdem an.

Wieder sitzen wir und warten und warten. Wäre es nicht so lausig kalt, wäre es wie imFilm – mitten im „Emergency Room“ (War eine Krankenhausserie mit George Clooney). Und ich beginne zu verstehen, was an Krankenhausserien so reizt. Das Klinikpersonal – gemischthäutig durch alle Ebenen – eilt geschäftig durch die Gänge, wirkt sehr kompetent und souverän. Nie gestresst, es ist immer noch Zeit für einen Flirt, ein Schäkern mit Kollegen oder Patienten. Sie sind die, die über das Wohlergehen der Kranken entscheiden, und sie kümmern sich. Freundlich, zugewandt, sei es, dass sie im Vorbeigehen nur eine Decke über einen Patienten legen und ihn aufmunternd anlächeln.

Dass ich angesichts der eingelieferten Notfälle ganz hinten komme, verstehe ich gut, aber mittlerweile sitzen wir vier Stunden da, und es wird bitterlich kalt. Ich will doch nur ein Röntgenbild! Bitte!!!

Endlich erbarmt sich ein sehr junger Arzt, vielleicht Mitte zwanzig, wie die coolen Jungs in der Marina mit Dutt und weichem Gesicht. Er ist Traumaexperte. Hier bin ich richtig.

Er lässt mich meinen Arm in alle Richtungen bewegen und meint, ausgekugelt sei er nicht. Röntgen sei auch nicht nötig. Ich atme auf. Dann verschwindet er und wir warten wieder….Er kommt zurück: Der Chef hat gemeint, doch röntgen. Oh nein. Wieder warten. Nicht so ganz lange diesmal. Der Röntgenarzt ist auch so jung und extrem freundlich. Nur als ich ihn nach dem Ergebnis frage, wird sein Gesicht verschlossen. Er darf nichts sagen.

Leider ist das Röntgenbild nicht ganz so harmlos, wie gehofft. Der Armmuskel hat anscheinend ein winziges Stückchen Knochen von der Schulter abgerissen. Na super.

Ruhig halten, kühlen. Zwei Wochen lang. Mindestens. Schwimmen? Segeln? Kann ich erstmal vergessen. Mein armer Peter. Er wird viel übernehmen müssen. Na gut. Hätte schlimmer kommen können. Aber, zum Kuckuck, auch besser!!

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Replies to “Emergency Room”

  1. Autsch, das tut bestimmt sehr weh! Wir wünschen Dir gute und schnelle Besserung. Und Peter gute Nerven!

    Herzlichst
    Bert und Marlene

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