Windstärke 8

23.7.2017 Atlantik, 36°57,781N, 009°0914W

Langweilig? So etwas sollte man nie denken, noch nicht mal ganz leise – in der letzten Hirnschublade. Vielleicht will der Atlantik uns an unserem letzten Tag auf dem offenen Meer zeigen, was er kann (er kann noch viel mehr, fürchten wir). Er bläst sich auf.

Wir sind gewappnet. Sebastian hat uns vorgewarnt: 20 bis 30 Knoten seien zu erwarten, die Wetterwelt schickt uns Wetterdaten bis zu 28 Knoten. Aber die übertreiben für gewöhnlich etwas…

Diesmal nicht. Wir haben bis zu 32 Knoten Wind, Wellen bis zu 6 Meter Höhe. Die brechen sich mit fürchterlichem Krachen an der Bootswand, werden zu einer riesigen Fontäne und setzen das Deck unter Wasser. Das findet irgendwie seinen Weg ins Bootsinnere, es tropft, wo es nur tropfen  kann.

Noch vor Dunkelheit haben wir gestern zum Glück das Groß geborgen, nun versuchen wir, nur mit Fock und Besan dem ganzen Herr zu werden. Der Wind bleibt launisch, kommt mit 18,20 Knoten, dann aber Böen bis zu 26,28, sogar 32 Knoten. Wie soll man das segeln? Da wir immer gesagt haben, dass Sicherheit vor Geschwindigkeit geht,  reffen wir, soweit es geht. Und stehen fast bei 3,8 Knoten Fahrt. Die hohen Wellen bremsen. Wir wollen doch weiter, es hinter uns bringen!

In den Morgenstunden wird der Wind stetiger, wir haben regelmäßig um die 26 Knoten.  Reffen die Fock etwas aus und machen Speed. 6, manchmal sogar 7 Knoten. Endlich.

Aber es bleibt ruppig.Wir müssen uns bei jedem Schritt festhalten, ja festkrallen, um nicht umhergeschleudert zu werden. Es scheppert überall, ich fürchte um die Gläser, das Geschirr, die Flaschen in der Bilge.

Peter gelingt es, zum Frühstück ein Rührei zu zaubern, das nicht von der Pfanne rutscht.

Dafür fliegt die Teekanne quer durch die Kombüse und ergießt ihren Inhalt über das Ei. Rührei mit Tee – auch nicht schlecht. Ich koche zum ersten Mal auf der gesamten Atlantikpassage nichts. Es gibt Käsewürfel, Kräcker und Snickers.

Es ist anstrengend. Und doch – es ist auch großartig. Auf dem Wellenkamm zu reiten, die Wellen unter uns durchrauschen zu sehen. Den Wind zu spüren. In die Weite zu sehen…

Obenauf – der Käpt’n. Seit fünf Uhr morgens steht er im Cockpit, unterstützt die Windsteueranlage, refft aus, refft ein, holt dicht, fiert wieder auf. Unermüdlich. Und ist glücklich.

Vielleicht ist es das Geburtstagsgeschenk des Atlantiks für ihn.

Peter wird heute 60.

One Reply to “Windstärke 8”

  1. Was für ein Geburtstagsgeschenk !!! Auch von mir herzlichen Glückwunsch, Peter!
    Und Glückwunsch zur gelungenen Überfahrt!
    Viele Grüße, Dominik

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