Der Wind steht schlecht für uns – total dagegen. So kann man nicht lange segeln. Der Wettergott, glaube ich, will uns damit sagen, dass es noch andere, schöne Plätze auf Sizilien gibt, die nicht mit dem Boot erreichbar sind. Wir folgen seinem dezenten Hinweis und mieten uns ein Auto.
Eine noch größere bzw. kleinere Gurke als letztes Mal, die Stossdämpfer sind ausgeleiert, aber günstig.
Es wird eine Reise der Nostalgie. Ich war ja, wie schonmal erwähnt, vor fast vierzig Jahren das erste Mal auf Sizilien mit einer Studienreise von Schule und Kirche. Nach Trappeto, im Westen Siziliens. Danilo Dolci versuchte damals dort – um es ganz kurz zu erklären-, in seinem „Borgo di Dio“ , dem Dorf Gottes, Menschen zusammenzubringen, aufzuklären, zu solidarisieren, um das sizilianische Sprichwort „Nur wer allein spielt, verliert nie“ zu widerlegen und damit einen gewaltfreien Kampf gegen die Mafia zu führen. Ich bezweifele, ob es ihm gelungen ist, aber das Projekt erregte europaweit Aufmerksamkeit und auch meine Freundin Brigitte und ich waren damals so begeistert vom „Borgo“, dass wir im darauffolgenden Sommert dort arbeiteten – Geländer strichen, Gästezimmer aufräumten, Lucia in der Küche halfen. Na gut, dass wir mit Danilos Söhnen Amico, Cielo und deren Freunden auch mit der Vespa an den Strand fuhren, mag durchaus mit dazu beitragen, dass diese Aufenthalte bis heute zu den eindrücklichsten Reisen meines Lebens gehören.
Trappeto ist mit dem Auto nur einen Katzensprung von Castellamare del Golfo, wo wir liegen, entfernt. Ich freue mich riesig, das „Borgo“ war wohl nach Danilos Tod ziemlich heruntergekommen, aber soll angeblich von Amico wiederbelebt worden sein. Und so hege ich die leise Hoffnung, ihn, vielleicht sogar Lucia, die Köchin, Salvatore, das Faktotum, wiederzusehen.
Die Einfahrt ist verriegelt. An einem Gebäude sind die Fenster eingeworfen, Tauben nisten da. Friedenstauben vielleicht, wenigstens das. Danilo hätte es vielleicht gefallen. Die Gebäude, wo wir gewohnt haben, sehen noch leidlich intakt aus, schwer zu sagen, ob das „Borgo“ noch lebt oder verfällt.
Etwas traurig fahren wir zurück. Auch die Bar in der Hauptstrasse Trappetos, in der ich meinen ersten Amaretto getrunken habe, finden wir nicht mehr. Tempi passati. Aber vielleicht auch ganz gut so. Den Sack der Erinnerung kann ich zumachen.

