Yolanda und Giulio

Es ist Sonntag. Alle, was Boot heißt,  zieht an uns vorbei aufs Wasser in einen wunderschönen Tag – Motorboote zum Angeln, zum Angeben mit der Freundin, Segler. Alle. Nur wir stecken immer noch fest. Donnerstag hätte die Pumpe kommen können, Freitag spätestens kommen sollen – nichts. Tomaso verspricht, alles stehen und liegen zu lassen, wenn sie Montag kommt und sie sofort einzubauen. Dann können wir Dienstag los.

Dienstag soll es gewittern. Mittwoch auch. Zwar hat uns ein Segelnachbar kürzlich weismachen wollen, dass es nach seiner Recherche äußerst selten zu Unfällen durch Gewitter auf See kommt und die Angst davor von daher völlig unbegründet sei – ich glaube es nicht so ganz. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben, das er uns vorbeibringen wollte, aber dann hat er doch frühmorgens abgelegt und das Buch vergessen. Ich habe also nach wie vor Angst vor Gewittern auf See!

Dann kommen wir erst Donnerstag weg – und uns läuft die Zeit davon. Fast Mitte September – Mitte Oktober sollte man das Mittelmeer verlassen haben…

Nicht zu ändern. Wir nutzen die Tage, schleifen, streichen, schleifen, streichen, dichten ab, verlegen Kabel bei Bruthitze– und ernten dafür wenigstens  ein Lob vom Hafenmeister: Wir seien eine gute Crew, nicht zu jammern, sondern die Zwangspause zu nutzen, um das Schiff zu erhalten. Danke, Francesco.

Auch Yolanda und Giulio tun ihr bestes, uns die Zeit hier so angenehm wie möglich zu machen. Sie betreiben die Eisdiele und Bar in der Marina. Wir sind Stammgäste – zum Internetchecken, Kaffeetrinken, Eisessen (hervorragend: „americano“, Erdnusseis, haben sie auf der Eismesse in Rimini ausgewählt, dass es sowas gibt!!!), auf ein Bierchen zwischendurch und abends für den Absacker. Beide sprechen englisch, so erfahren wir auch viel von ihnen und von Roccella. Yolanda ist hauptberuflich Anwältin, aber sie hilft ihrem Mann, sooft es geht, in der Bar. Eigentlich träumen die beiden davon, ein Sternerestaurant in der Marina zu eröffnen. Sie scheinen sich an uns zu erproben– wir werden mit den köstlichsten Antipasti verwöhnt. Und hoffen, dass ihr Traum vom Sternerestaurant in Erfüllung geht!

 

 

 

 

 

 

Wir sind Helden

Es ist ja nicht so, dass wir hier däumchendrehend herumsitzen und maulend auf die Pumpe warten. Nein, wir rüsten unsere alte Dame Hugin um. Von analog auf digital.

Einige der Anzeigen haben schon vor geraumer Zeit den Geist aufgegeben und sind mittlerweile ins digitale Zeitalter befördert worden. Nun fehlen noch die Windanzeiger. Die Instrumente sind eingebaut und funktionieren – ganz einfach, das System! – erstmal überhaupt nicht. Man muss sie kalibirieren, das heißt einrichten. Und wie man weiß, hat jeder Computer da seinen eigenen Kopf. Nach vielen Flüchen und ausgerissenen Haaren zeigen die Instrumente das an, was sie sollen: Tiefenmeter und die Warnung vor Untiefen.

Fehlt noch der Windmesser.

Dazu muss Peter in den Mast. Wir haben die leichte Hoffnung, das alte und das neue System parallel verwenden zu können, doch das erweist sich schon nach dem ersten Mastaufstieg als Illusion – die Windfahne ist völlig zerfressen.

Wenigstens die Halterung an der Mastspitze aber würde Peter gern nutzen, damit er da oben nicht bohren muss. Dazu braucht er nur eine kleine Edelstahlplatte mit entsprechenden Löchern. Die Bohrung müssten wir doch in der Werkstatt der Marina kriegen!

Francesco, einer der Mechaniker, hört sich das freundlich an und sieht kein Problem. Er bringt die Platte zu einem Freund zwei Orte weiter, der schneidet das  Gewinde und nach übermorgen haben wir die Platte, wie gewünscht. Peter „kriegt es an der Erbs“. Zwei Tage für so eine Kleinigkeit! Da schneidet er das Gewinde lieber selber – zwischen Boot und Steg. Unsere Werkstatt an Bord ist besser ausgerüstet als die Halle hier…

Mit der neuen Platte also muss Peter wieder in den Mast. Halb zog sie ihn, halb stieg er hin…die Maststufen – mal von Sebastian angenietet -, sind eine große Hilfe, ich sichere meinen Mann über das Tau, mit dem man eigentlich das Großsegel hochzieht.

Die Platte passt! Das ist schonmal die halbe Miete. Nun müssen wir nur noch das Kabel vom Windanzeiger oben am Mast durch selbigen ziehen und mit dem Bordcomputer im Motorraum verbinden. „Nur noch“…

Peter gibt ein Stück Schnur, beschwert mit einer Schraube, nach unten, ich stochere unten im Mastfuss, um das Teil zu erreichen. Nichts. Ich höre doch das „klong“! Zu doof, um die Schnur zu fangen?

Peter kommt wieder heruntergeklettert und vermutet, dass der Mast zwischendurch geschlossen ist. Dann kriegen wir das Kabel nie nach unten. Ein Loch bohren? Den Mast legen??? Auf die Windanzeiger verzichten? Geht gar nicht.

Peter kommt auf die geniale Idee, die Rolle, über die das „Großfall“ (das Seil, mit dem das Großsegel bedient wird) läuft, herauszuschrauben und durch den entstandenen Spalt in den Mast zu spickeln. Die Schrauben haben seit Jahrzehnten keinen Schraubendreher mehr gesehen, nur Salzwasser gespürt. Sie sind wie einbetoniert. Aber da haben sie nicht mit meinem Mann gerechnet! Der gibt nicht auf. Und bezwingt sie irgendwann dann doch. Ha! Wir lunzen durch den Spalt und sehen – Schutt. Geröll, was auch immer, irgend etwas, das ich lieber nicht genauer kennenlernen will.

Aber es hilft nichts, da muss es durch, das Kabel. Mit einer Rohrreinigerspirale, die durch den Dreck gebohrt wird, kommt es dann irgendwann dann doch aus dem Mastfuss. Heureka! So müssen sich Goldgräber fühlen, wenn sie auf Edelmetall stoßen.

Geschafft! Wir auch. Peter klagt noch am nächsten Tag über Muskelkater vom Steigen, ich spüre die Arme vom Ziehen und Halten. Aber wir haben eine funktionierende Windanzeige!!! Wir sind Helden!

 

 

 

 

Das Carepaket

Wie schon oft beklagt, gibt es hier nichts! Naja, fast nichts. Ein Kruschtladen hat seine Türen nach den Ferien wieder geöffnet, der hat Schrauben, Schäkel, Farben, Klebeband. Immerhin.

Wir brauchen einen gescheiten Wasserhahn, damit wir den Wassermacher auch gescheit nutzen können.

Tupperdosen für Mehl und so, die ich vergessen habe, mitzunehmen, bzw. großzügig gedacht habe, dass es sie in jedem Supermarkt gibt. Nicht in Roccella.

Peter ruft Luzie an, seine Mutter, und bittet um ein Päckchen. So lange, wie wir hier noch liegen, müsste das locker reichen. Und es kommt. Per Express. Ein Paket. Mit Tempos, Waschlappen, Backformen, damit wir mal richtiges Brot backen können, Plastikdosen, gut verschließbar, Haferflocken für die Nerven, Kakao, dito, und einem Wasserhahn, den Toni genau richtig rausgesucht hat.

Und das an die exakte Adresse – die ist ziemlich kompliziert hier in Italien in einer fremden Sprache, sechszeilig. Wir sind gerührt. Danke nochmal an dieser Stelle!