Der Atlantik

Wir schaffen es ausnahmsweise mal ziemlich pünktlich, abzulegen. Zeit ist heute Sicherheit… Das Wetter ist nicht schön. Grau, diesig. Wir verlassen das Becken von Gibraltar und spüren den Strom. Wir setzen Segel. Bleiben aber ziemlich küstennah, damit die Strömung mit uns ist. Auch wenn das Wetter nicht glänzt – die Küste ist beeindruckend. Irgendwann packt uns der Strom, so wie er soll. Er kommt von hinten. Wir machen nicht gerade eine Rauschefahrt, ab doch immerhin um die 6 Knoten. Die Wellen schieben uns regelrecht vorwärts. Wo beginnt er denn nun, der Atlantik? Schwer zu sagen. Schneller als erwartet passieren wir Tarifa. Und das ist nun eindeutig schon Atlantik.

Der Wind nimmt zu, die Wellen auch, kein Wunder, Tarifa ist eine der, wenn nicht gerade die windreichste Stadt Europas. Ein Surfer-Hotspot. Da ist die Stelle zwischen Spanien und Marokko am engsten, da wird der Wind richtig komprimiert. Wir können auch nicht klagen, aber so arg wie befürchtet wird er nicht.

Wir biegen ab Richtung Afrika. Da wird es richtig schön. Die Sonne kommt, die Wellen sind deutlich niedriger. Wir queren hinter dem Verkehrstrennungsgebiet. Fischerboote, die gefürchteten. Fischernetze, mit Ballons gekennzeichnet, die in den doch noch ziemlich hohen Wellen erst im letzten Moment auszumachen sind. Wir müssen aufpassen wie Schießhunde.

Schlimm aber, schlimm ist es bislang überhaupt nicht. Hoffen wir, dass wir das Kap bei Tanger früh erreichen und in Küstennähe abbiegen können. Bevor der vorhergesagte Sturm 42 Knoten gegenan -, kommt.

Wir sind gut in der Zeit. Die Wellen werden deutlich energischer, Atlantikfeeling. Noch ist alles im Wohlfühlbereich.

Es wird dunkel. Wir essen. Ich habe gestern abend noch eine Hühnersuppe vorgekocht, mit viel Ingwer. Zum Wärmen, Wohlfühlen, gegen Seekrankheit und überhaupt. Leider ist sie innerhalb von diesem einen Tag sauer geworden! Wir haben zu wenig Platz im Kühlschrank, und im „Salon“ war es anscheinend zu warm. (Ich habe lange in der Stadt einen freilaufenden Metzger gesucht – meine Hoffnung auf gutes Fleisch bei den Marokkanern und Spaniern hier, die Supermarkthühner sahen grauenhaft aus. Ich fand ihn und bekam- ein tiefgefrorenes Huhn aus Dänemark! In Gibraltar, lächelte er freundlich, gäbe es eben nur Felsen – und Affen!)

Das mit der Suppe vom tiefgefrorenen Huhn aus Dänemark war also nichts. Nächstes Mal müssen wir die Proviantierung besser planen. Verhungern aber werden wir nie – wir haben Spaghetti, die einmal um die ganze Welt reichen.

Der Wind nimmt nun doch zu, wie vorhergesagt. 25 bis 30 Knoten, von hinten, also ganz angenehm. Es schaukelt allerdings ohne Ende. Dass ich nicht seekrank werde, schreibe ich unseren dreimonatigen Schwellerfahrungen in verschiedenen Buchten zu…

Peter, noch putzmunter, übernimmt die erste Schicht. Es ist viel zu tun, reffen, ausreffen, AIS und Radar beobachten, ausweichen. Ich kugele mit jeder Welle in der großen Koje von einer Ecke in die nächste. Und übernehme um halb drei.

Um das Wachehalten wird eine regelrechte Wissenschaft betrieben. Manche Crews starten um 20 Uhr und schwören auf einen zwei-Stunden-Rhythmus, andere auf drei. Wir halten uns an keinen Zeitplan. Wer müde ist, darf ins Bett. Vier Stunden haben sich bisher als gut erwiesen. Wenn auf dem Meer viel los ist, geht die Zeit schnell rum. Und der andere kann am Stück vier Stunden, naja, nicht unbedingt schlafen, aber zumindest ruhen. Bislang klappt das ganz gut.

Die „Wache“ ist angeleint, das haben wir uns versprochen. Das heißt, der, der draußen ist, trägt einen Gurt wie ihn Kleinkinder bekommen, damit sie nicht aus dem Kinderwagen fallen (zu meiner Zeit war das jedenfalls so). Daran ist ein Karabinerhaken, mit dem hakt man sich an einem stabilen Tau oder ähnlichem ein.

Außerdem tragen wir eine kleine Epirb, die Alarm gibt, wenn man über Bord geht, damit der Schlafende überhaupt mitbekommt, dass der andere ein Problem hat….Ob ich die jedoch im Wasser vor Schreck auslösen könnte, ich weiß ja nicht… Besser wir fallen gar nicht erst. Und gurten uns eben an.

Und wir sind froh über unser Mittelcockpit! Die Wellen, die von hinten heranrauschen, haben viel Kraft und nötigen uns einigen Respekt ab. Die ins Cockpit einsteigen zu sehen und zu fühlen, wenn man im Cockpit hinten im Boot stehen muss – keine so angenehme Idee. Wir fühlen uns auf unserer Hugin sicher!

 

 

 

 

 

 

 

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